Gudrun Pausewang schreibt keine Bücher mehr. Sie hat das vor zwei Jahren sehr bewusst entschieden: "Ich fand, dass ich zum Schreiben zu alt bin." Schwergefallen sei es ihr trotzdem, das Schreiben aufzugeben. Als sie im vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk entgegennahm, bedankte sie sich bei allen, die ihre Bücher gelesen haben und noch lesen werden, und schloss ihre kurze Rede mit dem Wunsch: "Ich hoffe, dass ich einiges von dem, was ich zu sagen bemüht war, nicht vergeblich gesagt habe."

Obwohl Gudrun Pausewang auch zahlreiche unterhaltsame Bücher über Vampire, Räuber und Wassermänner geschrieben hat, gilt sie als die deutsche Autorin einer engagierten Literatur für junge Leser. Schon in ihren frühen Jugendromanen der siebziger Jahre setzte sie sich mit sozialer Ungleichheit (Die Not der Familie Caldera) und den Folgen von Krieg und Flucht (Auf einem langen Weg) auseinander. Die Achtziger schließlich sollten ihr große Bekanntheit bringen – und harte Kritik.

Die atomare Bedrohung während des Kalten Krieges verarbeitete Pausewang 1984 in Die letzten Kinder von Schewenborn. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl schrieb sie in wenigen Monaten ihr bekanntestes Buch Die Wolke. Aus Sicht einer 14-Jährigen erzählt sie vom Störfall in einem süddeutschen Kraftwerk. Schonungslos schildert sie, wie das Mädchen den sterbenden Bruder in einem Feld zurücklassen muss und vollkommen entkräftet und paralysiert durch den verseuchten Regen stolpert. Wie um sie herum Menschen krepieren, sie selbst ihre Haare verliert – aber überlebt. Und wie sie zur Ausgestoßenen wird, weil sie nicht akzeptieren kann, dass die Überlebenden möglichst schnell vergessen wollen. Das Buch verkaufte sich millionenfach, wurde zur Schullektüre, in 16 Sprachen übersetzt und 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Doch so groß das Lob, so harsch die Anfeindungen ihrer Kritiker: Zu brutal seien die Erzählungen, sie würden junge Leser verstören und schwere Ängste auslösen. Unter dieser Kritik habe sie schon gelitten, sagt Pausewang heute rückblickend. "Aber ich zuckte meistens nur mit den Schultern. An den Ruf, Angstmacher-Bücher zu schreiben, war ich gewöhnt."

Pausewang wies stets darauf hin, dass diese beiden Bücher nicht in Kinderhände gehören. Jugendlichen aber kann man solche Geschichten durchaus zumuten, findet sie. Schließlich mutet man ihnen ja auch zu, mit Atomkraftwerken in ihrer Nachbarschaft aufzuwachsen. Und auch gegen einen "Lektüreschock" hatte die Autorin nichts einzuwenden. Der führe nämlich im besten Falle dazu, dass man sich frage, wie man mit seinen, wenn auch bescheidenen, Mitteln etwas ändern kann.

Dann kam es 2011 Zum Reaktorunfall im japanischen Fukushima, und Pausewangs Telefon hörte nicht mehr auf zu klingeln. Plötzlich wollten alle mit der Frau sprechen, die einst so drastisch vor der Atomtechnik gewarnt hatte. "Der Mensch lernt zu langsam und ist unzuverlässig", sagt Gudrun Pausewang heute. "Vielleicht lernt er auch zu wenig aus seinem falschen Verhalten." Die Hoffnung aber, dass der Mensch sich ändert, die hat sie nicht aufgegeben.

Gudrun Pausewang kam 1928 zur Welt, als ältestes von sechs Geschwistern. Die Eltern waren Anhänger der Lebensreformbewegung und versuchten auf einem kleinen Hof in Ostböhmen möglichst autark und im Einklang mit der Natur zu leben. Schon als Kind las Gudrun gern und viel. "Ich habe eineinhalb Kilometer vom Dorf entfernt gewohnt und die Welt zum großen Teil über Bücher kennengelernt", erinnert sie sich. Hätte man ihr als Jugendliche aber gesagt, dass sie einst selbst Schriftstellerin sein würde und auf ein Werk von fast 100 Titeln zurückblicken könnte, viele davon mit starker politischer Botschaft, hätte sie vermutlich nicht nur ungläubig, sondern auch entrüstet den Kopf geschüttelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls wollte die damals 17-jährige Gudrun mit Politik nichts mehr am Hut haben. Zu tief saß der Schrecken des Nationalsozialismus – an den sie und ihre Eltern mit Überzeugung geglaubt hatten. Den "Führer" hatte die junge Gudrun so verehrt, dass sie in Tränen ausbrach, als sie von dessen Tod erfuhr. 1943 war bereits der Vater gestorben, er fiel in Russland. Und so wanderte sie zwei Jahre später hungernd mit der Mutter und den jüngeren Geschwistern nach Westdeutschland. Ihre Mutter habe ihr die Jugend geraubt, sagte Pausewang einmal. Denn als älteste Tochter wurde sie nach dem Tod des Vaters zur Vertrauten, mit der die Mutter alle Sorgen und Nöte teilte.