Was meinen Sie, liebe Kollegen? In diesem Gespräch bleiben die Interviewten anonym, um offen reden zu können. Hier diskutieren: eine niedergelassene Frauenärztin, eine Gesundheitsforscherin und ein Gynäkologe aus einem Krankenhaus, alle aus verschiedenen Städten in Deutschland.

Die Gäste an diesem Tisch sind gekommen, um über ein brisantes Thema zu sprechen: die Hormontherapie in den Wechseljahren. Ein Thema, das immer wieder für Verunsicherung bei Frauenärzten und Patientinnen sorgt. Bis vor einigen Jahren wurde die Hormontherapie mit Östrogenen und Gestagenen euphorisch propagiert – nicht nur zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden, sondern auch, um Altersleiden vorzubeugen. Dann jedoch wurden sie als zu riskant bewertet. Seit einiger Zeit nun mehren sich Stimmen, die sagen, sie sei zu Unrecht in Verruf geraten. Es geht um viel Geld. Und um die Gesundheit von Milliarden Frauen.

ZEIT Doctor: Es ist ein Hin und Her mit der Hormontherapie. Warum ist das so unübersichtlich?

Gynäkologe: Noch in den neunziger Jahren hat man gedacht, dass die Hormonbehandlung bei älteren Frauen das Leben verlängert. Man hat sie gezielt zur Prävention von Herzinfarkten eingesetzt – und zwar bei Frauen, die schon Herzleiden hatten.

Frauenärztin: Damals hieß es: Wenn ein Gynäkologe einer Frau keine Hormone gibt, ist das ein Kunstfehler. So weit ging das.

ZEIT Doctor: Es gab ja auch noch reichlich andere Versprechen.

Gesundheitsforscherin: Weniger Brustkrebs, schöne Haut, schöne Haare, bessere kognitive Funktionen, keine Gelenkschmerzen, schlanke Taillen ...

Frauenärztin: ... jung bleiben, jung aussehen, gesunde Knochen, besserer Sex, weniger Demenz.

ZEIT Doctor: Was ist davon übrig geblieben?

Gynäkologe: Nix.

Gesundheitsforscherin: Man hatte das aus Laborstudien abgeleitet, aus Tierexperimenten und Beobachtungsstudien. Die sind aber alle nicht geeignet, um so weitreichende Schlüsse zu ziehen. Deshalb haben die Amerikaner eine sehr gute Studie aufgesetzt, um die Annahmen zu überprüfen, die Women’s-Health-Initiative- oder WHI-Studie.

Gynäkologe: Dann kam die erste Überraschung: Die Frauen mit Herzleiden starben nämlich eher früher, wenn sie Hormone nahmen. Die WHI-Studie von 2002 zeigte, dass der Gesamteffekt der Hormone eher negativ ist. Die Frauen hatten mehr Thrombosen, Schlaganfälle und Brustkrebs, und das verursachte den ersten massiven Stopp in der Verschreibung. Daraufhin ist auch der Brustkrebs zurückgegangen, die Zahlen gibt es knallhart.

ZEIT Doctor: Ist das ein kausaler Zusammenhang: Führen weniger verordnete Hormone zu weniger Brustkrebs?

Gynäkologe: Das ist sehr, sehr naheliegend.

ZEIT Doctor: Wieso liest man dann jetzt in Frauen- oder Fachzeitschriften: "Die Hormone sind wieder da!"? Manche sprechen von einer Renaissance der Therapie.

Gynäkologe: In den vergangenen Jahren wurden Teile der WHI-Daten noch einmal nachträglich ausgewertet. Daraus ergab sich, dass die Frauen unterm Strich gleich lange lebten, egal, ob sie nun Hormone genommen hatten oder nicht. Das gab den Hormon-Freunden natürlich Auftrieb. Aber Fakt ist trotzdem: Frauen, die in den Wechseljahren Hormone nahmen, hatten ein höheres Krankheitsrisiko. Umso höher, je länger sie sie genommen haben.

Gesundheitforscherin: Das hat die US Preventive Services Task Force gerade auch noch mal festgestellt, also das oberste amerikanische Expertengremium zur Gesundheitsprävention.

Gynäkologe: Was man aber sagen kann: Frauen zwischen 50 und 59 Jahren können die Hormone als Medikation für starke Hitzewallungen durchaus nehmen, wenn sie das möchten. Unterm Strich sind die bei starkem Leidensdruck durch Hitzewallungen das Mittel mit den wenigsten Nebenwirkungen. Ich finde: lieber Hormone als Schlaftabletten, wenn die Frauen nachts so schwitzen. Nur sollte es eben nicht länger als fünf Jahre sein. Und es dürfen keine Kontraindikationen vorliegen, ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Thrombose oder Herzinfarkt.