Es hat nicht viel gefehlt für einen Volltreffer. Die Rede ist nicht von einem Tor auf dem Spielfeld. Sondern von einer Leuchtrakete aus dem Oberrang des Bremer Weser-Stadions. Abgefeuert wurde sie am vergangenen Samstag von randalierenden Ultras des stark abstiegsgefährdeten Hamburger SV während des Nordderbys gegen Werder Bremen. Eingeschlagen ist sie auf dem Rasen, wenige Zentimeter entfernt vom Hamburger Mittelfeldspieler Aaron Hunt. Zweimal musste Schiedsrichter Felix Zwayer das Spiel wegen des Feuerwerks unterbrechen. Dass die Ultras das Risiko in Kauf nehmen, eigene Spieler zu verletzen und damit womöglich einen Abbruch des Spiels zu provozieren, zeigt, wie sie inzwischen zu ihrem Club stehen. Es ist vorbei mit der großen Liebe, jetzt regiert der Hass. Und mit ihm kommt die Wut der Zerstörung.

Sie trifft den HSV in dieser Phase besonders hart. Er hat keine Zeit, sich von der emotionalen Mitgliederversammlung am vergangenen Wochenende zu erholen, auf der Bernd Hoffmann mit denkbar knappster Mehrheit zum neuen Präsidenten des Vereins gewählt wurde. Und die Spieler auf dem Rasen verhalten sich seit Wochen so, als hätten sie diesmal wirklich keine Hoffnung mehr auf Rettung. Als wäre das nicht schlimm genug, können sie sich spätestens seit der 1 : 2-Niederlage gegen Bayer Leverkusen vor zwei Wochen nicht einmal mehr darauf verlassen, im oder außerhalb des eigenen Stadions in Sicherheit zu sein. "Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt", stand auf einem Plakat, das einige Fans während des Warmmachens ihrer Mannschaft auf der Nordtribüne ausgebreitet hatten. Den versuchten Platzsturm nach Spielende konnten die Polizeikräfte nur mit Mühe verhindern. Es wird wohl nicht der letzte Versuch gewesen sein, für Chaos zu sorgen.

Das wissen auch die Chefs in der Vorstandsetage. Heribert Bruchhagen sprach nach den Vorkommnissen in Bremen von "Fußball-Zerstörern", sein Kollege Frank Wettstein kündigte eine "Null-Toleranz-Haltung" an. Was das bedeuten soll? "Sollten wir wie in vergangenen Fällen mit einer Geldstrafe belegt werden, dann werden wir im Falle von identifizierten Verursachern alle juristischen Mittel ausschöpfen, um die Strafen an den oder die Täter weiterzubelasten", heißt es in der Pressemitteilung.

Das Problem derartiger Androhungen ist: In den vergangenen Jahren haben sie nie Wirkung gezeigt. Wohl auch deshalb, weil es mit dem Identifizieren von Verursachern, die sich vermummen und hinter Plakaten oder Fahnen verstecken, nicht so einfach ist. Zumindest ist das ein Erklärungsansatz der Verantwortlichen, warum nicht immer rigoros durchgegriffen werden kann.

Für einen Kenner der Ultra-Szene, der namentlich nicht genannt werden will, sind diese Aussagen nichts weiter als ein schwaches Alibi: "Die meisten Pyro-Zünder sind bekannt", sagt er. "Würde der HSV diese Leute wirklich aus seinem Stadion verbannen wollen, hätte er es schon lange tun können. Allerdings ist die Lage seit Jahren so prekär, dass niemand so recht einen offenen Konflikt mit ihnen austragen will." Woran diese Haltung erkennbar ist? "An den Sicherheitskontrollen beim Einlass", sagt der Mann. Sie seien viel zu lasch, um das Schmuggeln von Böllern, Raketen oder Pyrotechnik zu verhindern. Vor allem kurz vor dem Anpfiff gelte die Maßgabe, Körperkontrollen möglichst schnell durchzuführen. Und dann formuliert er einen Vorwurf an den Verein, der brisanter nicht sein könnte: "Einige Ordner an den Drehkreuzen stehen den Gruppierungen nahe oder sind selbst Mitglied. Da wird gelegentlich ganz bewusst weggesehen."

Der Verein sagt, dass er die Ordner ständig überprüfe. Für das anstehende Heimspiel gegen Mainz 05 greift er zu noch härteren Maßnahmen. Das Duell wurde zum Risikospiel erklärt. Heißt: erhöhtes Aufkommen der Polizei, strikte Trennung beider Fan-Gruppen und Alkoholverbot im gesamten Stadion. Ob eine Kollektivstrafe wirklich zur Besänftigung der erhitzten Gemüter beiträgt oder eher für noch mehr Unmut sorgt? "Bier ohne Alkohol? Das ist ja wie ein Fußballspiel ohne Torchancen", kommentiert ein Fan via Facebook. Passt also zum aktuellen Zustand des HSV.

Denn das Spiel gegen Mainz ist nicht nur mit Blick auf die Tribünen ein Risikospiel: Wenn die Mannschaft verliert oder nur ein Unentschieden erreicht, würde der Verbleib in der ersten Bundesliga einem Wunder gleichen. Momentan hat der HSV als Vorletzter sieben Punkte Rückstand auf den Drittletzten, auf Mainz 05. Bei einer Niederlage sind es zehn. Und es verbleiben nur noch neun Spiele in dieser Saison. Wobei das nächste beim FC Bayern München ist. Da es bei diesem Auftritt nur darum geht, möglichst wenig Gegentore zu bekommen, sind es eigentlich nur noch acht.

Die Fans lässt der Blick auf die Tabelle verzweifeln. Sie können nicht mehr. Im fünften Jahr in Folge kämpft ihr Verein gegen den Abstieg, zweimal rettete er sich nur knapp in der Relegation. Nicht ohne Grund brechen jetzt die Konflikte zwischen den einzelnen Lagern auf.

Die Ultra-Gruppen, die gerade randalieren, waren besonders harte Gegner der Ausgliederung der Profi-Abteilung, die eine Mehrheit der Mitglieder im Mai 2014 beschlossen hatte. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren zeigt, dass ihre Bedenken nicht unberechtigt waren. Mit Ausnahme der prosperierenden Nachwuchsarbeit hat sich in Hamburg seit Jahren nichts verbessert, im Gegenteil.

Für die Ultras fühlt sich das an wie ein moralischer Sieg. Sie haben immer gewarnt, sie waren immer da, haben für Stimmung gesorgt, aber die anderen haben mit ihren Fehlentscheidungen den Verein in den Abgrund getrieben – das ist ihre Sicht auf die Dinge. Deshalb gibt es jetzt, im Angesicht des Untergangs, Krawalle und Randale. Deshalb werden sie sich nur schwer aufhalten lassen.

Es spricht viel für den ersten Abstieg des HSV in seiner Geschichte. Es droht ein besonders hässlicher zu werden.