Shirley Dobson ist auf Wolke sieben. Mit glühenden Wangen und einem glückseligen Lächeln tänzelt die 86-jährige Töpferin aus Wales durch die Gänge des tristen Konferenzzentrums in London und singt leise die Hymne der britischen Arbeiterbewegung. "Des Volkes Fahne tiefes Rot / Umhüllt sie oft der Märtyrer Tod."

Ihr ganzes Leben, sagt Dobson, habe sie "gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch das Patriarchat des Kapitals gekämpft". In den letzten 40 Jahren, in denen Großbritannien zum Inbegriff des Wirtschaftsliberalismus wurde, fühlte sie sich in ihrem Kampf auch innerhalb ihrer Labour-Partei politisch isoliert. Doch an diesem Samstag im Februar scheint sich das geändert zu haben. Labours Parteichef Jeremy Corbyn hat einige Hundert Aktivisten von der Basis in das Konferenzzentrum eingeladen. Er spricht sie mit "Genossen" an, und er stellt den Entwurf einer "neuen sozialistischen Gesellschaft" vor. Es scheint, als würden sich ausgerechnet die traditionsliebenden Briten nach einem sozialistischen Königreich sehnen. Wenn an diesem Sonntag Wahlen wären, würde Jeremy Corbyn wahrscheinlich gewinnen.

Was er dem Wahlvolk als echten Sozialismus verkauft, erscheint jenseits der Insel allerdings gar nicht so revolutionär. Jeremy Corbyn sagt, er wolle keineswegs die britische Verstaatlichungspolitik des 20. Jahrhunderts wiederauferstehen lassen, die an den Wirtschaftszentralismus der DDR erinnerte. Stattdessen wolle er eine "neue Form des öffentlichen Eigentums" einführen. Ganz oben auf seiner Liste stehen dabei die Versorgungsbetriebe.

Mit der Privatisierung der Wasserversorger begann Großbritannien Ende der achtziger Jahre mit dem Abbau des staatlichen Monopols bei Versorgungsbetrieben. Es galt damals als unwirtschaftlich, den Steuerzahler koste es nur unnötig Geld. Also wurde die gesamte Infrastruktur (Brunnen, Pumpwerke, Leitungssysteme sowie die Entsorgung und Aufbereitung von Abwasser) an private Unternehmen abgegeben. Es entwickelte sich ein Markt, auf dem heute 20 Firmen miteinander im Wettbewerb stehen.

Der Erfolg der Privatisierung ist umstritten. Nach Angaben des Industrieverbandes UK Water haben die Unternehmen "über 130 Milliarden Pfund in die Modernisierung der Infrastruktur investiert, die den Kunden eine erstklassige Wasserversorgung garantiert". Das wären umgerechnet 148 Milliarden Euro, und es klingt, als sei das Modell ein Segen.

Eine Studie der Universität Greenwich kommt allerdings zu dem Schluss, dass jeder britische Haushalt durch die Privatisierung heute rund 100 Pfund im Jahr mehr für sein Wasser bezahlt als früher. "Zwischen 2006 und 2016 erwirtschafteten die Wasserversorger einen Gewinn nach Steuern von 18,8 Milliarden Pfund", heißt es in der Studie. "Davon zahlten sie 18,1 Milliarden Pfund an Dividenden an ihre Anleger aus." Gleichzeitig hätten sie einen Schuldenberg angehäuft, um in die Infrastruktur zu investieren, was mittlerweile über 500 Millionen Pfund im Jahr an Zinsen kostet. "Unterm Strich ist mit der Privatisierung kein Modell entstanden, das langfristig wirtschaftlich bestehen kann", erklärt Kate Bayliss, eine der Autorinnen der Studie. Eher ist es ein Modell, das ständig vor der Pleite steht.

Jeremy Corbyn und sein finanzpolitischer Sprecher John McDonnell sehen sich dadurch in ihrer Überzeugung bestätigt. "Die Privatisierung hat versagt", erklärt John McDonnell den Parteigenossen auf der Konferenz im Februar. Die nächste Labour-Regierung werde "öffentliche Dienstleistungen zu einem demokratischen Eigentum in den Händen der Arbeiter machen". Es gehe nicht um die Verstaatlichung zugunsten eines ineffizienten, zentralistisch verwalteten Apparates, so McDonnell. Stattdessen werde die Wasserversorgung künftig auf lokaler Ebene von den Kommunen verwaltet werden, und zwar "ohne jegliche Kosten". Anstatt die Versorger zu ihrem derzeitigen Marktwert von rund neun Milliarden Pfund zu kaufen, plant McDonnell, sämtliche Aktien der Anleger gegen Staatsanleihen einzutauschen. Die anfallenden Zinsen würden dann aus dem operativen Gewinn der Unternehmen gedeckt werden.