Die Kopfschmerzen habe ich lange ignoriert – die Firma hat mich doch gebraucht. Selbst beim Fußballtraining steckte das Handy in meiner Sporthose. Ich musste erreichbar sein. Kopfschmerztabletten in den Mund, eine Handvoll Wasser, das war’s. Bis zu diesem Sonntag, dem 26. März 2006. Badezimmer, Tabletten, Wasser. Plötzlich ein Schmerz – als hätte mir jemand eine Axt in den Schädel gerammt. Ich wurde ohnmächtig. Ein Aneurysma war in meinem Kopf geplatzt.

Zu mir gekommen bin ich erst im Krankenhaus. Ich war ein Stück Fleisch, das vom eigenen Gewicht erdrückt wurde, konnte hören, was um mich herum passiert, aber nichts sehen, nicht reagieren, nicht einmal richtig denken, als hätte ich sechs Promille im Blut. Durch das Piep-Piep-Piep der Geräte wusste ich nur, dass ich im Krankenhaus liege.

Eine der Ärztinnen hatte so eine Quäkestimme, bei einer Krankenschwester wusste ich, wenn die kommt, folgt eine Art Erstickungsgefühl. Das war schrecklich. Ich hab versucht zu schlucken, irgendwas zu machen, aber nichts hat geholfen. Heute weiß ich, dass sie die Trachealkanüle gesäubert hat, durch die ich beatmet wurde. Später hat eine andere Patientin die ganze Zeit in die Hände geklatscht und einen Spruch gemurmelt, "eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – wo ist meine Frau geblieben?". Ich wollte unbedingt, dass es aufhört.

Trotzdem gab es auch Momente der Geborgenheit. Meine Eltern saßen neben meinem Bett. Das schafft er schon, haben sie gesagt, er ist ein Kämpfer. Einmal hat meine Lebensgefährtin Nine Million Bicycles gesungen, mein Lieblingslied. In meinem Kopf war ich dann wieder zu Hause, in meinem Wohnzimmer, und habe sie gesehen, wie sie auf der Terrasse im Sonnenschein singt. In Wirklichkeit stand sie die ganze Zeit neben meinem Bett im Krankenhaus.

Als ich nach acht Wochen aufgewacht bin, war ich erst mal ohne Orientierung. Mein erster Satz war eine Frage: Wann kann ich wieder Fußball spielen? Bis zur Rückrunde, antwortete der Oberarzt. Über diese Lüge ärgere ich mich noch immer. Ich kann bis heute nicht einmal richtig gehen. Hätte er nicht Klartext sprechen können? Alles würde ich dafür geben, wenn ich für nur einen Tag wieder so sein könnte wie vor der Erkrankung. Da war alles so leicht.

Trotzdem ist mein Leben lebenswert. Ich mache Muskeltraining und halte deutschlandweit Vorträge, um Menschen zu motivieren. Meinen Gehstock habe ich weggeschmissen, ich will es ohne schaffen. Könnte ich sein wie vor der Krankheit, würde ich mich ins Auto setzen und einen ganzen Tag lang einfach nur fahren.

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Protokoll: Manuel Stark