Der Tag X ist in der Fantasie ein Freudentag: nach Hause tanzen, Luftsprünge machen und eine riesige Zurück-ins-Leben-Party schmeißen! Doch dann ist die letzte Chemo vorbei, der Arzt sagt die erlösenden Sätze "Ihr Befund ist super. Ich wünsche Ihnen alles Gute", doch statt Euphorie und Leichtigkeit sind da nur Müdigkeit und ein Gefühl von Leere. "Sie sind durch einen Ozean geschwommen und dachten, wenn Sie endlich am Inselstrand ankommen, feiern Sie ein rauschendes Fest. Doch dann müssen Sie sich erst mal hinlegen und ausruhen, auch wenn die Palmen locken und die Rumflaschen bereitstehen." Mit diesem Bild versucht die Psychoonkologin Sabine Khalsa ihren Patienten verständlich zu machen, was ihnen selbst oft unerklärlich erscheint.

Wenn der Behandlungsstress vorbei und die akute Gefahr gebannt ist, tauchen Gefühle auf, die in der Therapiephase wenig Raum hatten, weil es vor allem ums Überleben ging: Scham, nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie vorher. Schuldgefühle, den Partner oder Freunde über Gebühr belastet zu haben. Trauer über Monate, in denen das Leben stillstand. Scheinbar grundlos fließen plötzlich Tränen, am Frühstückstisch oder in der U-Bahn. Sabine Khalsa ermuntert ihre Patienten, die Trauer zuzulassen und sich richtig auszuweinen. "Viele machen sich Vorwürfe, wenn sie traurig sind, weil sie befürchten, dass ihre Angehörigen damit nicht klarkommen." Doch um die Krankheit zu verarbeiten, sei Trauer sehr wichtig und heilsam. Auch schwierige, unangenehme Gefühle brauchten Ausdruck durch Weinen, Malen, Gespräche, Musik, Schreiben, Bewegung. Das entlaste und stärke das Immunsystem.

Meike de Wit, Leiterin der Klinik für Innere Medizin im Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln, spricht von Wellenbewegungen, die so ziemlich jeder Tumorpatient nach der Behandlung durchmache. Oft kämen nach der akuten Phase unausgesprochene Konflikte ans Licht, die in der Partnerschaft oder in Freundschaften vorher unter den Tisch gekehrt wurden. Viele Betroffene spüren ihre Grenzen deutlicher als vor der Erkrankung. Sie haben keine Lust mehr auf faule Kompromisse, wollen ihren Ärger nicht mehr gewohnheitsmäßig herunterschlucken, sich nicht mehr ständig anpassen um des lieben Friedens willen. Denn sie spüren, wie begrenzt, wie kostbar ihre Lebenszeit ist. Die Radikalität, mit der sie nun vieles infrage stellen, ist für sie selbst neu und ungewohnt und weckt Ängste. Darf ich bei meinen Lieben, die mich gerade durch die schweren Monate getragen haben, auch mal auf den Tisch hauen und sagen, was mir schon lange nicht passt? Darf ich egoistisch sein und tun, was mir guttut, auch wenn ich andere damit vor den Kopf stoße?

Plötzlich tauchen neue Fragen auf: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Starke bin, sondern verletzlich? Und wie halten mich so die anderen aus?

Plötzlich tauchen neue Fragen auf. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Starke, sondern verletzlich bin? Halten es die anderen aus, wenn ich mich schwach zeige und auch mal zickig werde? Das Wechselbad der Gefühle auszuhalten ist nicht leicht, sich anderen verletzlich, aufgewühlt und erschöpft zu zeigen und ihnen das verwirrende Auf und Ab zuzumuten ist eine noch größere Herausforderung. Bis zum Moment der Diagnose haben sich viele als stark erlebt, vielleicht sogar für unverwundbar gehalten. Wie sollen sie jetzt den Kollegen vermitteln, dass gerade sie, die vor ein paar Monaten noch Spezialist, Könner, Problemlöser im Team waren, plötzlich dreimal so lange für eine Aufgabe brauchen oder sie erst einmal gar nicht hinbekommen, weil die Konzentration dafür noch nicht reicht?

Für den Umgang mit der Scham über die eigene Schwäche gibt es kein Patentrezept. Für manche ist es stabilisierend, möglichst schnell wieder in die alten beruflichen Bahnen zurückzukehren, für andere ist es besser, wenn sie vorübergehend einen Schnitt machen und ihre Situation in Ruhe überprüfen: Will ich meine alte Arbeit weitermachen? Bin ich dem Stress im Job noch gewachsen, oder will ich lieber Druck rausnehmen? Die Führungsposition abgeben und in die zweite Reihe treten? Will und kann ich etwas ändern? Stunden reduzieren? In ein anderes Arbeitsgebiet wechseln?

Manchen hilft es, für Klarheit zu sorgen, den Kollegen und dem Vorgesetzten zu sagen, dass das Gehirn durch die Chemotherapie noch stark belastet ist oder man zu dünnhäutig ist, um Konfliktgespräche mit aufgebrachten Kunden zu führen. Für Menschen, die sich sehr stark über Leistung definiert haben, ist es allerdings schwer zu akzeptieren, dass ihre einstigen Standards vorerst in weite Ferne gerückt sind. Doch ehrlich mit sich zu sein, realistischere Maßstäbe zu finden und gnädiger mit sich zu werden kann der Beginn für einen freundlichen Umgang mit sich selbst sein. Dieser Prozess braucht Zeit. Viele haben das Gefühl, sich neu erfinden zu müssen. Keine leichte Aufgabe. Den alten Menschen gibt es nicht mehr, der neue ist noch nicht da.