Den Jakobsweg wandern mit Brustkrebspatientinnen? Als der Sportwissenschaftler und -therapeut Freerk Baumann vor etwa zehn Jahren diese Idee hatte, klang sie extrem abwegig. Damals galt nach der Chemotherapie die Regel: ein halbes Jahr Bewegungsverbot. Wer unter einer schweren Krankheit leide, solle sich schonen. Baumann hingegen setzte darauf, "dass die Patientinnen Vertrauen in den eigenen Körper zurückgewinnen, indem sie eine Herausforderung angehen, die sie bewältigen könnten". Kollegen warnten, er stehe mit einem Bein im Gefängnis.

Heute geben ihm zahlreiche Studien recht: Bewegung gleicht einem Breitbandtherapeutikum. Sie lindert die Nebenwirkungen der Krebserkrankung und der Therapie, etwa anhaltende Erschöpfung, und kann sogar verhindern, dass diese entstehen. Sie sorgt dafür, dass der Körper leistungsfähig bleibt, damit er den fordernden Behandlungen etwas entgegenzusetzen hat. Obendrein verbessert sie die Lebensqualität. Wer etwa die Laufschuhe schnürt und joggen geht oder walkt, baut nicht nur Muskeln auf – er stärkt auch seine psychische Stabilität und sein Selbstvertrauen: Der Körper baut Stresshormone ab, Ängste und depressive Verstimmungen werden gemildert.

Das Beste: Es ist nie zu spät, damit anzufangen. Auch wer zuvor ein Bewegungsmuffel war, profitiert seelisch und körperlich. Experten empfehlen, Bewegung vom Moment der Diagnose an gemeinsam mit dem Arzt einzuplanen und bestenfalls noch vor der Therapie damit zu beginnen. Es ist der Part, den Patienten selbst beisteuern können. Denn wer körperlich fit ist, verträgt Chemo-, Strahlen- oder Hormontherapien besser und erholt sich schneller.

Untersucht wurde der Einfluss vor allem bei häufigen Krebsarten wie Brustkrebs. "Da Nebenwirkungen aber oft durch die Therapie entstehen und tumorübergreifend ähnliche Therapeutika eingesetzt werden, liegt nahe, dass sich die positiven Effekte auf die Lebensqualität auch bei anderen Arten zeigen", sagt Karen Steindorf, Leiterin der Abteilung Bewegung, Präventionsforschung und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Krebspatienten haben häufig mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Viele leiden etwa unter Schlaflosigkeit. Körperliche Aktivität trägt dazu bei, eine erholsame Nachtruhe wiederzufinden.

Bewegung hilft auch, die Krankheit zu verarbeiten, Schritt für Schritt für Schritt. Die Menschen befreien sich aus der Passivität. Sie spüren den eigenen Körper – und lernen, ihm wieder zu vertrauen. Obwohl er sie im Stich gelassen hat. Aktivität vermittelt obendrein das Gefühl, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen, etwas für das eigene Wohl zu tun – in einer Phase, in der man sich vom übermächtigen Medizinapparat oft fremdbestimmt fühlt.

"Sobald ein Patient aus dem Bett aufstehen kann, darf er im Prinzip anfangen, sich gezielt zu bewegen", sagt Freerk Baumann, der heute gemeinsam mit einem Medizinerkollegen die Arbeitsgemeinschaft Onkologische Bewegungsmedizin an der Uni-Klinik Köln leitet. Viele Patienten seien vorsichtig, da sie etwa befürchten, dass Sport Metastasen im Körper verteilen und die Genesung behindern könnte. "Das ist nicht der Fall", sagt der Sportwissenschaftler. Auch bei Massagen, Lymphdrainagen oder Saunagängen sei das nicht zu befürchten. Die größten Risiken seien Inaktivität, Schonung und sozialer Rückzug.

Als grobe Regel rät Karen Steindorf ihren Patienten, nach und nach auf 150 aktive Minuten pro Woche zu kommen und sich dabei ruhig etwas zu verausgaben. Heißt: leicht ins Schwitzen und außer Atmen zu kommen. Generell empfiehlt sich eine Mischung aus Kraft- und Ausdauertraining, etwa Radfahren oder Wandern, kombiniert mit Übungen an elastischen Bändern oder geleitetem Training an Kraftgeräten, um die Muskeln gezielt zu stärken. Als Rat gilt: Kleine Einheiten von etwa 30 Minuten über die Woche verteilen und ein paar Ruhepausen einbauen.