Bei Summer Al-Hadsch Ali in der Wüste ist die Revolution schon angekommen. Sie steht in ei-nem Supermarkt, zusammengezimmert aus Wellblech und Holzbalken, im Norden Jordaniens, wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Syrien. Der Supermarkt gehört zum Flüchtlingslager Saadri. Hier leben knapp 80.000 Syrer, die ihre Heimat wegen des Kriegs verlassen haben.

Summer Al-Hadsch Ali ist eine von ihnen. Die 39-Jährige stammt aus dem Süden Syriens. Ihr Mann ist verschollen, aber sie hat fünf Kinder zu versorgen, eine Tochter und vier Söhne, der jüngste ist vier Jahre alt, der älteste 19. An diesem Sonntag im Februar steht Al-Hadsch Ali deshalb an der Kasse des Lager-Supermarkts. Sie will Karotten kaufen, Joghurt, Erbsen, Margarine. Die Digitalanzeige der Kasse zeigt 10,64 jordanische Dinar an, umgerechnet etwa 12 Euro.

Statt Geld hervorzuholen, schaut Al-Hadsch Ali in eine Linse, die an der Decke befestigt ist. Die scannt ihre Iris – und löst damit eine komplizierte Transaktion aus, an deren Ende der Supermarktbesitzer um 10,64 Dinar reicher ist und die Kundin um 10,64 Dinar ärmer. All das geschieht, ohne dass eine Bank oder eine Kreditkartenfirma daran beteiligt wäre. Hier, in einer Wellblechhütte im jordanischen Wüstenstaub, überweist Al-Hadsch Ali Geld, als sei sie Darstellerin in einem Science-Fiction-Film und kein Flüchtling. Der Grund dafür ist eine Technik, deren Name Investoren in Rauschzustände versetzt und die Banker von der Wall Street bis nach Frankfurt bis in den Schlaf verfolgt: Es geht um die Blockchain.

Berühmt wurde sie durch den Höhenflug der ersten Kryptowährung Bitcoin. Ein Bitcoin ist trotz zuletzt heftiger Kursrückschläge heute sechsmal so viel wert wie vor einem Jahr und 33-mal so viel wie vor drei Jahren. Er hat einen wahren Goldrausch ausgelöst. Aber mittlerweile ist auch klar: Der Bitcoin hat viele Fehler. Als Währung taugt er nicht. Eher als Geldanlage für alle, die in ihrer Freizeit sonst S-Bahn-Surfen.

Das wahre Versprechen, die wahre Utopie liegt in der Technik, die hinter ihm steht: der Blockchain. Sie löst Fantasien aus wie zuletzt das Internet. So unterschiedliche Menschen wie Nicolás Maduro, der Präsident von Venezuela, und der Porsche-Finanzchef interessieren sich dafür. Sogar in den neuen Koalitionsvertrag von Union und SPD hat sie es geschafft. Die Blockchain ist das neue iPhone, der neue Haarschnitt, den jeder haben will.

Ist die Blockchain nur ein Hype oder wirklich eine Revolution? Wer das herausfinden will, muss ganz vorn anfangen und die einfachen Fragen stellen, zuallererst diese: Was, bitte schön, ist das, die Blockchain?

Wir haben uns auf die Suche nach Antworten auf diese Frage gemacht. Dazu sind wir auf die Reise gegangen: von Jordanien über das Londoner Bankenviertel bis nach Zug in der Schweiz.

Flüchtlingslager Saadri, Jordanien

Dass Summer Al-Hadsch Ali per Augenaufschlag Geld überweisen kann, liegt an Houman Haddad. Früher war er Investmentbanker in Toronto. Doch als Haiti vor fünf Jahren von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, hat er seine Stelle gekündigt und beim Welternährungsprogramm angefangen, weil er helfen wollte. Heute ist er dort für Finanzen zuständig. Er hatte die Idee für die Blockchain im Flüchtlingslager.

Seine Organisation versorgt Menschen, die in Not geraten sind, mit Lebensmitteln. Früher haben die Mitarbeiter Brot, Reis oder Obst persönlich verteilt. Später zahlten sie Bargeld aus, damit die Flüchtlinge selbst entscheiden konnten, was sie kaufen wollten, und weil davon die lokale Wirtschaft profitierte.

Mittlerweile gibt es das Geld über die Blockchain. Das bedeutet: Es wird nicht auf das Konto einer Bank überwiesen, sondern als Datensatz in einem Computernetzwerk des Welternährungsprogramms hinterlegt. Das funktioniert ganz ohne eine Bank. Die braucht man nur noch am Ende, wenn der Supermarktbesitzer sein Geld aus der Blockchain wieder in Geld bei einer Bank umtauschen will.

Die Blockchain macht die Bank überflüssig, wodurch Kontoführungsgebühren und Bargeldtransporte wegfallen. Das Welternährungsprogramm spart dadurch allein in Jordanien bis zu 150.000 Dollar im Monat. Dazu kommt: Die Blockchain macht das Bezahlen sicherer. Die Organisation ist in vielen instabilen Staaten tätig. Wenn es dort überhaupt funktionierende Banken gibt, dann sind sie häufig eine Art Selbstbedienungsladen für korrupte Eliten. Durch die neue Technologie sinke das Risiko, dass das Geld in die falschen Hände gerate, sagt Haddad.

Die Blockchain, sie ist also eine Art Bank. Genauer: Jeder kann mit ihrer Hilfe eine Art Bank sein. Das ist die erste Erkenntnis dieser Reise.