Der spanische Künstler Santiago Sierra ist bekannt für seine provokanten Arbeiten. Migration, ökonomische Ausbeutung, staatliche Willkür: Für solche Themen findet er eindringliche Bilder und setzt sie in Fotografien und Performances um.

Auf der Arco, Spaniens traditioneller Kunstmesse, hängte die Galeristin Helga de Alvear vergangene Woche mehrere Arbeiten von Sierra an ihrem Stand auf – und bald darauf wieder ab, denn die Messegesellschaft Ifema protestierte gegen die fotokopierten Porträts nach Art unscharfer Fahndungsplakate. Sie zeigen vom Künstler unkenntlich gemachte Verfechter der katalanischen Unabhängigkeit, die aktuell in spanischen Gefängnissen sitzen. "Politische Gefangene", so der Titel, war anschließend bloß noch auf Anfrage zu sehen – und wurde dennoch während der Arco verkauft. Vielleicht sogar gerade wegen des Trubels.

Die Resonanz war jedenfalls groß. Der künstlerische Leiter der Messe, Carlos Urroz, protestierte und bot seinen Rücktritt an. Er sah es als Eklat an, dass die Messegesellschaft ihn nicht informiert hatte, bevor die renommierte Galeristin um Entfernung der 24-teiligen Serie gebeten wurde. In den Zeitungen tauchte das Wort Zensur auf.

Und Santiago Sierra? Den wird das Ganze vermutlich gefreut haben. Schließlich feierte der 1966 geborene Künstler seine größten Erfolge schon bisher, wenn seine Arbeiten einen Skandal auslösten. So wie 2006, als er Autoabgase in eine ehemalige Synagoge im nordrhein-westfälischen Stommeln leitete. Besucher, die die heutige Kunsthalle betreten wollten, mussten Gasmasken aufsetzen. Anderswo ließ er Asylbewerber für einen knappen Lohn täglich vier Stunden in seinen Ausstellungen unter Pappkartons ausharren. Wer das zynisch findet, dem entgegnet Sierra, dass er sichtbar macht, was andere lieber übersehen – die Verharmlosung des Holocausts oder den modernen Sklavenhandel.

Dass man sich über die radikalen Ansätze des Künstlers empört, ist also Teil seiner Strategie. Aktuell wird in Spanien heftig über Meinungs- und Kunstfreiheit gestritten, nachdem ein Rapper wegen seiner Texte dreieinhalb Jahre ins Gefängnis muss. Sierras Arbeit platzt in diese Debatte.