"In den großen Zeiten des Theaters", hat Heiner Müller einmal gesagt, "gab’s den Beruf des Regisseurs nicht, den gab’s erst im Niedergang, das ist ein Dekadenzsymptom." Wie an vielen seiner Thesen ist auch an Müllers Dekadenztheorie etwas dran, denkt man an die Künstler-Sadisten im Geniegewand, deren Existenz sich der Betrieb jetzt eingesteht. Und da macht sich natürlich Erleichterung breit, wenn ein Regisseur wie der gebürtige Landshuter Tobias Kratzer, Jahrgang 1980, meint, er bringe seine persönlichen Befindlichkeiten nicht mit auf die Probe und erwarte dasselbe bitte auch von den Sängern: Und dann noch mal bitte alle von Takt 78 an.

Bei großer handwerklicher Fertigkeit und Metiersicherheit, die er schnell bewiesen hat, gehörte eine gewisse Distanz zur eigenen Rolle bei Kratzer von Anfang an dazu. Nach Kunstgeschichts- und Philosophiestudium und der Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding debütierte er nämlich beim Grazer ring.award gleich mit zwei Konzepten für Rigoletto, die er unter den Pseudonymen Ginger Holiday und Nedko Morakov verkaufte.

Kratzers Karriere begann also mit einer "strangen Sache", aber die wirkte sich wie ein Schub aus. Seit 2008 ist er zwischen Graz, Nürnberg – und immer wieder Karlsruhe – ein sehr gefragter Mann. Brüssel und Amsterdam warten.

2019 inszeniert er den Tannhäuser in Bayreuth. Dass er den schon mal in Bremen angepackt hat (2011, der Titelheld seinerzeit ein Terrorclown aus dem RAF-Milieu), fällt bei ihm nicht weiter ins Gewicht, denn er hat sehr oft zwei sich im Prinzip ausschließende Grundideen im Kopf. Zwangsläufig muss er sich am Ende für eine entscheiden, sieht die andere aber nur ungern auf der Strecke bleiben. Zweifel fängt stets das Team auf, zu dem seit den Grazer Anfängen Rainer Sellmaier (Bühnenbild und Kostüme) gehört.

An der Frankfurter Oper inszeniert Kratzer jetzt seine dritte große Giacomo-Meyerbeer-Oper L’Africaine – Vasco da Gama von 1865. Nach Les Huguenots in Nürnberg und Le Prophète in Karlsruhe – in denen es jeweils um religiöse Radikalisierung ging – hebt er nun die Geschichte um den portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama, der zwischen zwei Frauen steht, aber vor allem auf den persönlichen Ruhm aus ist, sehr geschickt aus ihrem historischen Kontext heraus.

Die Eroberung Indiens um 1500 findet in einer Science-Fiction-Welt statt. Das Meer ist das All mit seinen Weiten. Kratzer hat, wie üblich, gründlich gelesen (in der noch einmal eingekürzten Chemnitzer Fassung von 2013) und vor allem quergedacht. 1865 erscheint auch Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond, die europäischen Kolonialisierungen sind weltweit weitestgehend abgeschlossen. Nur im Himmel wären noch Plätze frei.

Weil er die Exotismusfalle fürchtet, fällt für Kratzer ein An-Indianisieren oder das "Blackfacing" aus. Stattdessen erscheint die zunächst als Sklavin gefangen genommene Selika (Claudia Mahnke, mit gleichzeitig filigranem und mächtigem Mezzo) als Avatar im blauen Ganzkörperkostüm: sehr fremd und ganz eigen. Das großformatige, quasi filmische Prinzip der Breitwandbühne erlaubt Tobias Kratzer zahlreiche kulturgeschichtliche Anspielungen: Von Star Trek bis hin zu der im Vorspann zum vierten Akt zitierten Star Wars-Schrift kommt allerhand Blockbuster-Dramaturgie ins Spiel.

Allerdings hat der Regisseur klug ausgemacht, dass Meyerbeer, anders als Richard Wagner, bei dem man "auf der rauschhaften Welle surfen" (Kratzer) kann, sehr modern ständig die Einstellung auf das Stück ändert. Der Totalen folgt, mitunter im Minutentakt, der Zoom, dem Tutti-Überwältigungseffekt die meisterhafte Vereinzelung der Instrumente – Claude Debussys Klänge sind gar nicht so weit weg. Kratzers Schnitte gelingen am Anfang und am Schluss brillant, in den Akten zwei bis vier allerdings greift er für seine Verhältnisse durchaus in die Konventionskiste und kann sein tolles Ensemble nicht immer davon abhalten, im Orbit und in Indien doch noch ein wenig Oberammergau zu streifen. Auch ist Antonello Manacorda mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester vielleicht eine Spur zu viel den Sängern dienlich und nicht immer hundertprozentig Herr des abrupt wechselnden musikalischen Moments und der Koordination.

Worauf Tobias Kratzer hinauswill, bleibt jedoch jederzeit erkennbar: Dunkel, ja schwarz scheint Meyerbeers Geschichtspessimismus auf, als habe der einen clash of civilizations schon ganz und gar vorausgeahnt. Szenisch tief beeindruckend gerät Kratzer das Ende, als Ines (hochvital: Kirsten MacKinnon) Vasco da Gama (tenoraler Felsen: Michael Spyres) zurückgewonnen hat – und die Prinzessin Selika in den Freitod geht. Was sie träumt, wird zum Bild: Vasco und sie entschweben innig verbunden in die Nacht. Gravity Reloaded.

Das alles verklärend nur zu singen wäre Dekadenz. Tobias Kratzer hingegen holt die Dinge auf den Boden zurück und zeigt im letzten Bild, wie Vasco da Gama weiter hohnlachend über Leichen geht und Landmarken setzt. Das ist die Wirklichkeit.