Der Begriff "Leitkultur" ist hochgradig aufgeladen, seit er 1998 von dem damaligen Berliner Innensenator Jörg Schönbohm in die politische Debatte eingeführt und dann in einem Artikel von Friedrich Merz verbreitet wurde. Die SPD sieht darin einen konservativen Kampfbegriff, der das Land in eine kulturell formierte Gesellschaft zurückführen soll. Er erinnert in manchem an die "geistig-moralische Wende" von Helmut Kohl, die folgenlos verpuffte, dann nur noch als Satirebegriff taugte und heute angesichts des ausgeklügelten Systems schwarzer Kassen des Altkanzlers wie Hohn anmutet.

Wenn man das Zehn-Punkte-Papier von Thomas de Maizière "Leitkultur für Deutschland – Was ist das eigentlich?" von Anfang Mai 2017 tatsächlich liest – und nicht reflexhaft verdammt und ungelesen in die Tonne tritt –, dann fällt es schon schwerer, das Thema als völlig abwegig zu klassifizieren oder gar als bürgerlich-konservativen Hegemonieanspruch zu verdammen. Die Erfahrung, dass Interviews, Reden oder Thesenpapiere Empörungswellen und Erregungszustände bei Leuten auslösen, die diese gar nicht gehört oder gelesen haben, ist übrigens ein kulturelles Phänomen, das einer eigenen Betrachtung wert wäre.

Ich widerspreche Thomas de Maizière jedenfalls nicht, wenn er feststellt, dass es "über Sprache, Verfassung und Achtung der Grundrechte hinaus [etwas gibt], was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet". Und dann lädt er zur Diskussion (!) von zehn Thesen ein, die man nicht teilen muss, anders akzentuieren und auch ergänzen kann, die aber keine brüske Abweisung verdienen.

Die Reaktion der SPD war meines Erachtens falsch oder zumindest unzureichend, indem sie auf das Grundgesetz verwies und den Grundrechtskatalog in den Artikeln 1 bis 19 zur "Leitkultur unserer Gesellschaft" erklärte. Dieser Katalog ist zweifellos von grundlegender und unveräußerlicher Bedeutung. Aber unterhalb dieser Grundrechte gibt es eine Reihe weiterer Merkmale, die unser Zusammenleben ausmachen, eine ungeschriebene Verfassung unseres Landes, die sich maßgeblich in der Übernahme von Verantwortung und Umgangsformen zeigt. Dazu gehören Rücksichtnahme auf den Mitbürger, Respekt, Toleranz, Selbstverantwortung für das eigene Handeln (und Unterlassen), die Achtung staatlicher Institutionen und die Beachtung von Regeln, Gemeinwohlorientierung und Vorbildfunktion. Der Schriftsteller John le Carré spricht von "bourgeoisen Werten" wie Anstand und Pflichtbewusstsein, wobei "bourgeois" weder zur Beschreibung einer Klasse dient noch abwertend gemeint ist.

Die Klage ist weit verbreitet, dass solche Merkmale – ich scheue nicht das schöne altdeutsche Wort Tugenden – einer Beliebigkeit weichen und im Zuge allgemeiner Verrohung und Enthemmung sogar unter die Räder kommen. Das Empfinden ist jedenfalls nicht selten, dass darüber unsere Gesellschaft härter, kälter und unsicherer wird. Ob auch gewalttätiger, nicht nur im physischen Sinn, überlasse ich Sozialwissenschaftlern und -psychologen, Pädagogen und Kriminologen.

Mich bedrückt auch das Ausmaß an Eliteversagen, über das die Gesellschaft weitere Haltegriffe und Fixpunkte verliert, weil manche Eliten teils krass ihre normative Funktion verletzen und in manchen Fällen auch Gesetze. Das beginnt mit der Steuerhinterziehung von Leuten, die im Penthouse unseres Gesellschaftsgebäudes ein wohlsituiertes Leben führen und Steuerbetrug als eine neue Kultur des Versteckens betreiben. Das wurde von Politikern lange Zeit bagatellisiert und als Notwehr gegen eine angeblich prohibitive Besteuerung entschuldigt. Aber inzwischen ist die Liste sehr lang geworden. Unter Eliteversagen fallen für mich: die Risikoignoranz von Bankern und die krummen Geschäfte ihrer Institute, darunter auch die einer großen deutschen Bank; die Manipulationen der deutschen Automobilindustrie und das Auftreten eines Spitzenmanagements, dessen Winkelzüge in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihren strategischen Fähigkeiten (und ihren Vergütungen!) stehen; die Beschädigung des Markennamens der deutschen Wirtschaft über teilweise kriminelle Aktivitäten; die skandalösen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und deren jahrelange Vertuschung; die Korrumpierung des Fußballs durch Fifa und Uefa sowie explodierende Transfersummen und Spielergehälter; das "Illusionstheater" eines vom Doping durchzogenen Sports mit einem opportunistischen Internationalen Olympischen Komitee an der Spitze; und schließlich auch der teilweise selbst verschuldete Glaubwürdigkeitsverlust von Politik und Medien, der sich in einer Politik- und Medienverdrossenheit manifestiert.