Es war ein besonders windiger und verregneter Apriltag in Warschau, Passanten hüpften über Pfützen auf den herzerhebend weiten, kommunistischen Alleen mit ihren klassizistischen Hochhäusern, wo der Einzelne sich immer ganz verloren und von seinem Ego gut gelaunt entlastet fühlt. Die Regisseurin Małgorzata Szumowska hatte mich in ihre Wohnung im Süden der Stadt, ins Viertel Stary Mokotów eingeladen. Als ich mit der Tram am späten Vormittag ankam, wich dort die Überwältigungsarchitektur einer fast zarten Neusachlichkeit. Hier war ausnahmsweise nichts weggesprengt oder ausgebombt worden in dieser von den Deutschen mit Akribie zerstörten Stadt. Und als wir in ihrer geräumigen, sehr zeitgemäßen Wohnküche in einem Zwanziger-Jahre-Apartment saßen, das sie mit ihrer Familie bewohnt, und wir schwarzen Tee tranken, sprach sie recht unvermittelt über ihre Herkunft, über das beständige Kommen und Gehen der Solidarność-Intellektuellen und -Künstler in der elterlichen Wohnung, über das Leben ohne Handys und digitale Nachrichten, über das so häufige nächtliche Klopfen an der Wohnungstür von Mitverschwörern, über das glückliche Drama, dass ihr Vater, ein seinerzeit gefeierter Dokumentarfilmer, und ihre Mutter, eine Bestsellerautorin, zu jenen zählten, die drauf und dran waren, ein System zu stürzen, und darüber, dass der Sturz tatsächlich gelang. Man hat in unserer auf Dauerkrise gepolten Gegenwart fast vergessen, dass der Osten, den man nur noch mit Rechtsabweichung und Populismus in Verbindung bringt, auch so zahlreiche große und kleine Heldengeschichten auf seinem Konto hat.

Die 45-jährige Regisseurin ist nicht nur die wohl bekannteste Filmemacherin ihres Landes in der jüngeren Generation, sie gehört zu den ganz wenigen mit internationalem Erfolg, die noch in Polen leben. Ich bat um ein Treffen, weil mich nur wenige Gegenwartsfilme der vergangenen Jahre so berührt haben wie Body, der in surrealistischen und betörend präzisen Bildern den Alltag einer Essgestörten und ihres Vaters einfängt. Es sind ja gerade diese vermeintlich melodramatischen Sujets, die Szumowska zielsicher angeht. Im Namen des ... handelt vom Leben eines schwulen Pfarrers in der polnischen, naturgemäß homophoben Provinz. Man meint von vornherein die traurigen Konflikte zu kennen und stellt dann hinterher fest, dass einen der Film über Wochen so bewegt, dass man ihn noch mal schaut und dann noch einmal. Und jetzt, vor wenigen Tagen, erhielt Szumowska mit ihrem Film Twarsz/Mug (was auf Deutsch so viel wie "Gesicht" oder "Visage" heißt) bei der Berlinale die zweitwichtigste Auszeichnung, den Großen Preis der Jury.

Wieder so ein Film, dessen Plot so wenig über seine Eigenheiten aussagt. Die Handlung bringt zwei wahre Begebenheiten aus den vergangenen Jahren miteinander in Verbindung, die man als Kuriosa abhaken könnte, würden sie nicht im von Minderwertigkeitskomplexen beseelten Nachwende-Polen als welthistorisch bedeutsame Heldentaten gefeiert: der Bau der weltgrößten Jesus-Statue im Städtchen Świebodzin, die sich wie ein Mahnmal des schlechten Geschmacks von der Landschaft abhebt, und die erste Gesichtstransplantation, die je in Europa gelang. Der junge, ziemlich prollige, langhaarige Metallica-Fan Jacek (Mateusz Kościukiewicz) arbeitet mit am Bau des Christus-Monstrums. Die Großfamilie, aus der er stammt, steht für das derb-slawische Elend, das jeder kennt, der aus dem Osten kommt, und das die Deutschen wegen der zum Ausdruck kommenden Seelentiefe ja so mögen: die Wodka-Abstürze am Küchentisch, restalkoholisierte Kirchenbesuche, hysterisch-fröhliche Xenophobie, der frühzeitige Verfall der Männer, die unerträgliche Religiosität der Mütter, der Schlager- und Heavy-Metal-Kitsch, die Fleischberge zum Abendessen, die Kuschelrock-Liebe der jungen Frauen, die so gut wie nichts anhaben, und so weiter. Nach gut einem Drittel des Films geschieht das Unglück, das alles verändert: Jacek stürzt bei den Bauarbeiten in die Tiefe und wird so schwer verletzt, dass ihm als chirurgisches Weltwunder mehr schlecht als recht ein neues Gesicht verpasst werden muss.

Was bleibt von der Liebe, wenn der Geliebte als Entstellter zurück ins Dorf kommt? Was von der christlichen Moral oder der mütterlichen Fürsorge, die ihren Sohn nicht mehr erkennt? Man kann Twarsz natürlich vordergründig als Parabel auf die Verlogenheit, den Opportunismus, die Bigotterie der polnischen Provinz interpretieren (und dies auch zu Recht), aber wie immer bei Szumowska erschöpft sich der Film gerade nicht in billiger Gesellschaftskritik, nicht in Opferkult und rechthaberischen Gewissheiten. Dafür sorgt schon ihr Hang zu grotesken, heiteren, auch brutal-burlesken Szenen. Sie gibt damit auch – und vielleicht sogar gerade – jenen, die sich vom Heimkehrer kaltherzig abwenden, ein Gesicht. Der Entstellte war vor seinem Schicksalsschlag doch nie besser als das Dorfvolk, erst als Gefallener wird er zum Homo sacer, zum Verbannten und Heiligen in einem. Die Bildränder haben eine geringe Tiefenschärfe, was dem Film etwas Märchenhaftes gibt. Die Unschärfe ist Programm, stellt die Wahrnehmung auf die Probe, und das ist natürlich völlig plausibel, weil am Ende nicht mehr zu sagen ist, wer in diesem Dorf als Wiederauferstandener gilt: der in den Himmel ragende Beton-Jesus oder der von den Ärzten Zusammengeflickte. Stückwerk sind sie beide, lädierte Heilande, der Zuschauer gerät in die Rolle des ungläubigen Thomas und ist begeistert.

Als wir uns trafen, war der Film fast fertiggestellt, und Małgorzata Szumowska, die man sich als eine lebhafte, zu energischer Emphase neigende Gesprächspartnerin vorstellen muss, empörte sich im Laufe des Gesprächs über die politische Stimmung in Polen, die ja tatsächlich jeden empören muss, der auch nur halbwegs liberal gesinnt ist. Es gibt eine Szene gleich zu Anfang von Twarsz, die den Grundkonflikt des Landes recht plausibel einfängt: Jacek sitzt am Familientisch, an dem sich ein typisch polnischer, weil grundsätzlich neurotischer Streit entfaltet zwischen den Jüngeren, die – wie so viele im Land – nach England auswandern wollen, und den Älteren, die tautologisch erklären, dass die Polen in Polen bleiben müssten, weil sie Polen seien. Schichtenübergreifend zerfällt das Land gerade in Kosmopoliten und Heimatverbundene; in jene, die halbwegs Englisch können, und jene, die noch Russisch in der Schule hatten; in Atheisten und Kirchgänger; in Jogger und Kuttelsuppen-Verehrer. "Es gibt hier Menschen", erzählt Małgorzata Szumowska lachend, "die fassen sich wirklich an den Kopf, wenn sie hören, dass jemand kein Fleisch ist. Sie empfinden Fahrradfahrer und Vegetarier als eine ungeheure Bedrohung ihres Lebensstils." Die Spaltung zeige sich seit einigen Jahren in Warschau auch in den neuen Wohnvierteln der Mittelschicht: "Es wurden riesige gated communities errichtet: Da spielen die Kinder in einem verschlossenen Areal, es gibt Cafés und Pizzerien nur für die Bewohner. Es geht darum, sich von den Armen der Gesellschaft abzuschotten, die könnten ja irgendetwas klauen. Es gibt Kinder, die noch nie Bus oder U-Bahn gefahren sind, ein völlig artifizielles Leben."

Wenn ein Thema die Filme Szumowskas verbindet, dann wohl tatsächlich die sich auflösenden Gemeinsamkeiten, verblassenden Riten und Gewohnheiten der Menschen, die auf die Globalisierung mit dem Rückzug in das eigene Milieu reagieren, mit der Errichtung von safe spaces, mit hässlicher Angriffslust und der Dramatisierung von Verletzlichkeit. Das Polen, das Szumowska zeigt, ist, so besehen, fast ein beliebiges, aber ziemlich markantes Exempel für den gesellschaftlichen Zerfall. So gut wie programmiert ist natürlich, dass sich viele Polen von dem Film in ihrem Patriotismus tödlich gekränkt fühlen werden und er politisch instrumentalisiert werden dürfte.

Es scheint im Gespräch einfach kein Jenseits des Politischen mehr zu geben, aber dann sprechen wir doch noch über etwas, das noch vor wenigen Jahren bei Künstlerunterhaltungen sehr naheliegend gewesen wäre, nämlich über die Kunst, über die ruhmreiche Filmtradition Polens (Kieślowski, Polański, Pawlikowski und so weiter), über ihren fordernden, autoritären Lehrer an der Łódźer Hochschule, den legendären Regisseur Wojciech Jerzy Has, der einflussreicher und ambitionierter als Andrzej Wajda war und dem Szumowska, wie sie erzählt, alles verdankt – jedenfalls karrieretechnisch, denn er brachte ihr nicht nur eine formale Strenge und Präzision bei, er drängte sie einst zu ihrem Debütfilm.

Draußen, passgenau auf dem Rückweg, regnete es nun regelrecht endzeitlich. Die Passanten retteten sich unter die Vordächer der sozialistischen Prachtbauten und fluchten, und weil sie so fluchten, lachten sie auch.

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