Ich habe Inselfriedensbruch begangen. Bitte nicht fragen, wie unverschämt das ist. Bitte fragen, ob es sich gelohnt hat. Da sage ich nämlich: Ja. Das ist die Kurzfassung.

Die Langfassung geht so: Natürlich hätte ich zu Hause auf andere Leute hören können. Auf die Leute mit Allwetterkleidung und einem fiebrigen Abenteurerherzen. Anstelle von Mallorca hätten sie ein fernes Atoll empfohlen, auf das nur einmal im Monat eine Propellermaschine herüberklappert, oder abgelegene Täler in zerklüfteten Gebirgen, wo man in unberührte Traditionen hineinplatzt, interessanten Wein aus Tonkrügen trinkt, wo Burschen auf Hirtenflöten spielen und die Sterne im Takt unvergesslich funkeln.

Nun mache ich mir nichts aus schwer atmender Allwetterkleidung, schlafe lieber unter ein bis vier Sternen als unter allen und steige zu Hause sogar artig aus dem Bus, bevor die verwegene Durchsage kommt, man könne noch "bis zur Betriebshaltestelle" mitfahren. Kurz gesagt: Ich bin ein lausiger Abenteurer. Und sowieso habe ich diesmal bloß ein verlängertes Wochenende, die neueste Erlebniszeitrechnung aller Gestressten und andauernd Erreichbaren. Was kann man da wollen außer seiner Ruhe, ein wenig malerisch bröckelndem Gemäuer und etwas Wind, der einem dramatisch durch die Haare fährt?

Mallorca im Winter: eine Ferieninsel außer Dienst. Selbst Palma ist plötzlich Urlaubsstadt im Nebenberuf. Im Jachthafen schunkeln weiße Boote, Fensterläden an den Häusern sehen aus wie die aus gnadenlos ergreifenden Telenovelas, und das Katzenkopfpflaster (dreimal schnell nacheinander sagen!) wird im Regen sofort ein wenig rutschig, als ermahnte es jeden höflich, doch langsam zu gehen, um die Altstadt zu bestaunen, wenn schon sonst gerade keiner in ihr steht: Palais aus früheren Zeiten, in denen noch immer Grafen wohnen sollen, die grünen Blechdächer, den Blumenstuck, den Modernismo, die Stadt als südeuropäisches, maurisches Architekturmuseum und die Kathedrale La Seu, vor allem nachts, wenn sie hell erleuchtet auf den Hafen blickt und vielleicht gerade die Fledermäuse in ihr tagen. In Palma sei die ganze Welt glücklich, schrieb einmal Jean Cocteau. Zumindest isst sie hier sensationell, besonders in Santa Catalina, einst Fischerviertel, jetzt eine Szenegegend, die aussieht, als hätten sich Mallorquiner vorgestellt, wie sich Berliner Stockholm vorstellen, wenn es Brooklyn wäre, das man in Barcelona wieder aufgebaut hat. So gesehen: die ganze Welt, wie Cocteau es gesagt hat.

Vom Frühling an sollen Touristen sich wieder ganze Wochenenden hier rumyelpen und durchqypen und tagelang warten, um irgendwo einen Tisch zu bekommen. Jetzt heißt es: Eine Person? – Ja. – Echt? – Ja. – Na ja, suchen Sie sich ’n Platz aus ... In den Restaurants mit Stühlen im Industrialdesign, den Restaurants, in denen dekorativ nicht viel steht, den Restaurants, wo einem vollbärtige Männer Oliven mit Martini-Gelee bringen, Ceviche und dieses eine namenlose Bananendessert, in dem man sich auch beerdigen ließe. Nebenan verkauft jemand dazu dänische Lampenklassiker, in Wohnungen hängen Fahrräder an den Wänden. In der Markthalle liegen regionale Produkte in instragramtauglicher Atmosphäre.

Ich sitze der Markthalle gegenüber, draußen in der Januarigkeit, höre andere Urlauber sehr komplizierte Gerichte mit sehr komplizierten Allergienachfragen bestellen. Gemeinsam schauen wir auf die Häuser und lächeln uns zu. Und im Grunde könnte man hier die Tage versummsen, Freitagsamstagsonntag. Aber eigentlich will ich ja raus. Bereits im Flugzeug auf dem Hinflug, zwischen "Bitte zwei Sektchen" und "Sabine will die Scheidung", hatten mir zwei Steppjackenfrauen geraten: Einfach drauflos! Und so mache ich das jetzt auch.

Es genügt, die Autobahn zu nehmen, die Leuchtreklame der Preisparadiese zu ignorieren, und man kann die zahnsteinfarbenen Gewerbegebietsbauten einfach für antike Ruinen halten, die in fernen, vergangenen Zeiten einmal ihren Sinn gehabt haben müssen, im letzten Frühling, im letzten Sommer, schon so lange her. Am Straßenrand halten hin und wieder Rennradfahrer das Aktivurlaubsgesicht trotzig in die Landschaft, irgendwann, sogar sehr bald, ist niemand mehr zu sehen.

Wer hier im Winter der Wärme am nächsten kommen will, sollte nach Osten fahren, heißt es, wo sich die Sonne nicht erst mühsam über die Berge schieben muss. Oder nach Süden. Zum Beispiel dorthin, wo sich der Leuchtturm von Ses Salines in einen Himmel hebt, der irre geworden ist, so allein mit sich selbst, bleiern und quecksilbern. Am Fuß des Leuchtturms schmeißen sich Wellen gegen die Felsen, rechts von ihm beginnt ein Weg, Pinien und Gebüsch tuscheln im Wind, spielen geheimnisvolles Naturszenario. Oder schnarcht die Insel bloß? Ein wenig schläfriges Blätterschwenken: Echt, Besuch? Jetzt ... um diese Zeit? Na gut, dann bitte hier entlang.