Mario Monti hat 2011 bis 2013 regiert. © Lisa Morgenstern für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, im Herbst 2011, auf dem Höhepunkt der Euro-Krise, haben Sie Silvio Berlusconi als Regierungschef abgelöst. Nun steht dieser mit 81 Jahren vor einem politischen Comeback. Wie konnte das passieren?

Mario Monti: Herr Berlusconi ist eine unglaublich starke und hartnäckige Persönlichkeit. Und seine Wiederkehr zeigt, dass die Menschen ein kurzes Gedächtnis haben.

ZEIT: Damals hat Berlusconi Italien an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds geführt. Was verrät sein Comeback über die politische Kultur Ihres Landes?

Monti: In Italien gab es in den vergangenen Jahren zwei Spielarten des Populismus. Den "Populismus von unten" der Fünf-Sterne-Bewegung oder der Lega (gemeint ist die frühere Lega Nord, eine extrem rechte Partei, Anm. d. Red.). Und einen "Populismus von oben", wie ihn der frühere Ministerpräsident Matteo Renzi mit seiner Anti-EU-Rhetorik pflegte. Und nun ist auch der Vater aller Populisten wieder da, Berlusconi. Eine Folge davon ist, dass viele Italiener nicht mehr merken, wenn ihnen dieselben Leute dieselben unrealistischen Versprechen zwei- oder dreimal machen.

ZEIT: Viele Parteien versuchen mit antieuropäischen Tönen zu punkten. Hat Italien den Glauben an Europa verloren?

Monti: Nach der Entscheidung für den Brexit ist die Zustimmung zur EU in allen europäischen Ländern gestiegen, nur in Italien nicht. Das ist auch eine Folge des Populismus von oben, den ich erwähnt habe. Außerdem glauben viele Italiener, dass die strenge Auslegung der Stabilitätsregeln in der Euro-Zone, nicht zuletzt durch Deutschland, ihr Land in eine schwere Rezession gestürzt habe. Diese Wahrnehmung ist weitgehend falsch, aber nicht vollständig.

ZEIT: In Deutschland sorgt man sich umgekehrt, Italien könnte die Euro-Zone erneut in eine Krise führen. Die Staatsschulden sind unverändert hoch, die italienische Schuldenquote beträgt 134 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Monti: Ich möchte zunächst betonen, dass wir das einzige südeuropäische Land waren, das während der Euro-Krise keine Finanzhilfe in Anspruch nehmen musste. Niemand hat für Italien einen einzigen Euro gezahlt, auch Deutschland nicht. Unsere Schuldenquote ist nach wie vor sehr hoch. Aber das jährliche Defizit ist deutlich gesunken, es liegt unter der Drei-Prozent-Grenze, die der Stabilitätspakt vorsieht. Und das schon seit 2013. Italien hat mehr unternommen, um seinen Haushalt zu konsolidieren, als Spanien und Frankreich.

ZEIT: Kein Grund zur Sorge also, trotz der teuren Wahlversprechen?

Monti: Ich hoffe, wir müssen diese Versprechen nicht zum Nennwert nehmen. Dann hätten wir allerdings ein Problem. Die Märkte sind auch deshalb ruhig, weil niemand damit rechnet, dass die Parteien ihre Versprechen vollständig erfüllen werden.

ZEIT: Die Umfragen deuten auf eine schwierige Regierungsbildung hin. Wie geht es nach der Wahl weiter?

Monti: Die Bereitschaft der Fünf-Sterne-Bewegung, mit anderen zu koalieren, ist sehr gering – und umgekehrt. Am Ende halte ich daher eine große Koalition für die wahrscheinlichste Lösung. Dazu würde die Demokratische Partei von Renzi und Gentiloni gehören, Berlusconis Forza Italia und wohl auch die Lega.

ZEIT: In Deutschland haben große Koalitionen keinen besonders guten Ruf mehr.

Monti: Eine große Koalition kann konstruktiv geführt werden oder unkonstruktiv. Italien hat noch immer wichtige Strukturreformen vor sich. Konstruktiv wäre es, sich auf eine gemeinsame Einschätzung der Lage zu verständigen und Verantwortung zu übernehmen. Dies ist nicht der Moment, um im großen Stil Wohltaten zu verteilen. Wir müssen die Bürger noch immer um Opfer bitten. Eine große Koalition wäre eine Möglichkeit, die politischen Kosten für unpopuläre Maßnahmen möglichst gleichmäßig zwischen links und rechts zu verteilen.