Irgendwann kommt für jeden Mann die Zeit, in der er keine T-Shirts mit der Aufschrift "Motörhead" mehr tragen kann. Höchstens noch zu Hause. Irgendwann kommt für jeden Mann auch die Zeit, in der er nicht mehr mit kurzen Hosen herumlaufen kann. Höchstens zu Hause. Das ist okay, damit kann ich leben. Umso überraschter war ich, als ich neulich beim Betreten der Küche – ich kam gerade aus der Badewanne – von meiner Frau mit den Worten "Willst du dir nicht mal was anziehen?" empfangen wurde. Auf meinen verblüfften Einwand, ich sei doch angezogen, hob sie nur eine Augenbraue. Das sieht bei ihr immer sehr spöttisch aus. Ich blickte an ihr vorbei auf mein Spiegelbild im dunklen Küchenfenster. Alles klar. Ein Mann im Bademantel. Ist die Zeit gekommen, da man das nicht mehr tragen kann? Nicht einmal mehr zu Hause?

Kein Zweifel, der Bademantel hat unter der #MeToo-Debatte mindestens so sehr gelitten wie das Selbstverständnis einiger Männer. Er kam als Detail in so vielen einschlägigen Erzählungen vor, dass er unmöglich unschuldig sein kann. Harvey Weinstein und Dieter Wedel sollen sich ihren Opfern im Bademantel gezeigt haben. Und was hatte Dominique Strauss-Kahn am Leib, als er in New York über ein Zimmermädchen herfiel? Eben. Und dass Donald Trump sich abends nicht nur in sein Schlafzimmer, sondern auch in seinen Bademantel zurückzieht, war sogar der New York Times eine mokante Notiz wert – woraufhin das Weiße Haus dementierte, dass Trump überhaupt einen besitze.

Der Bademantel entpuppt sich zusehends als Corpus Delicti.

Dabei war er einst eine modische Setzung von höchster Eleganz, ein weichgezeichneter Trenchcoat. Thomas Mann ließ sich am Strand von Sylt darin fotografieren. Ein wenig erinnerte sein Exemplar an die ersten europäischen Hausmäntel, aufwendige Kunstwerke aus Seide oder schwerem Brokat, betroddelt, bestickt, aufgesteppt. Darin empfing der Fürst oder Geheimrat seine Gäste, und die waren dann ganz beeindruckt. Auch davon, dass der Hausherr augenscheinlich so viel Freizeit hatte, dass er eigens dafür eine maßgeschneiderte Uniform trug, ein Statussymbol der Saumseligkeit. Später spazierte Cary Grant in einem Bademantel um den Pool des Carlton in Cannes. Und James Bond konnte man auf Jachten oder in Hotels in unterschiedlichsten Bademänteln aus Frottee oder Velours zusehen. Fast immer waren sie spontan geliehen, nicht selten von Frauen. Was den Eindruck verstärkte: Der Blick auf den Bademantel ist ein Blick ins Private.

In der jüngeren Popkultur ist der Mann im Bademantel bereits einer, vor dem man sich besser in Acht nehmen sollte. Ein Psychopath wie Jack Nicholson als Jack Torrance in Shining. Ein Terrorist wie Brad Pitt als Tyler Durden in Fight Club. Ein Mafioso wie James Gandolfini als Tony Soprano. Immer ist der Stoff nur scheinbar harmlose Oberfläche, unter der unberechenbare Virilität lauert.

Tut sie das nicht, haben wir es mit entrückten Karikaturen zu tun. Wenn Dittsche, die Kunstfigur von Olli Dittrich, im Bademantel schwadroniert, hat das nichts Bedrohliches, ihn umgibt die Besinnungslosigkeit des Schlafwandlers. Dittsche macht den Fehler, das intimste aller Kleidungsstücke aus dem Privaten ins Öffentliche zu überführen. Dort kehrt es sich als Zeichen um und wird zum Ausweis seiner Lebensunfähigkeit. Deshalb ist es auch so lustig, wenn der Dude aus The Big Lebowski oder Arthur Dent aus Per Anhalter durch die Galaxis ihre Abenteuer im Bademantel erleben. Schlaffer und schluffiger kann man den Härten des Lebens nicht begegnen. Wer im Bademantel erscheint, der lässt sich’s gut gehen. Oder er lässt sich gehen.

Ich schaue an meinem eigenen Bademantel herunter. Trage ich das Zeichen toxischer Männlichkeit? Sonderlich mächtig fühle ich mich in diesem modischen Urenkel der früheren Pracht- und Protzexemplare jedenfalls nicht. Er ist weiß, schon ziemlich alt und daher nicht mehr sonderlich "hygge", wie man neuerdings sagt. Seine Funktion, mir gewissermaßen aus der Wanne zu helfen, erfüllt er tadellos. Mir graut vor den zwei Schritten, die es braucht, um durch die Kälte an den Haken zu kommen. Alles ist gut, sobald ich hineingeschlüpft bin. Einen Bademantel kann man nicht "anziehen", man kann nur hineinschlüpfen. Sobald ich ihn trage, ziehe ich mir die Kapuze über den Kopf und rubbele mir die Haare trocken. Den Rest des Körpers erledigt der Mantel. Ein Handtuch brauche ich nicht.

Meine Frau nennt ihn "ein vollkommen nutzloses Kleidungsstück". Wenn sie aus der Dusche kommt, trocknet sie sich ab – und fertig. In ihrem Elternhaus gab es Bademäntel nur für den Fall, dass man überraschend ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Und wirklich, vor den Kliniken sieht man sie sommers herumstehen und rauchen, die Elendsgestalten. In Bademänteln, natürlich. Der Mantel in unserem Bad ("Naturfrottier, 100 Prozent Baumwolle") ist nur geduldet wie andernorts die Modelleisenbahn im Keller.

Warum also trage ich ihn überhaupt? Warum ist er, der gar nicht mal teuer war, mir eigentlich so lieb? Es ist ja nicht so, dass ich ihn aus dem Chateau Marmont in Los Angeles oder dem Hôtel de Crillon in Paris mitgenommen hätte. Oder doch? Wird ja gerne geklaut. Tragen könnte ich ihn dort auf jeden Fall. Das liegt an seiner einzigartigen Ambivalenz. Als bourgeoiser Bruder des Trainingsanzugs ist er nicht auf dem Bolzplatz oder in der Imbissbude zu Hause. Sondern im Grandhotel. Unabhängig von seiner Herkunft aber gleicht ein weißer Bademantel allen anderen weißen Bademänteln der Welt, hier ist der Sozialismus aufs Flauschigste verwirklicht.