Empathie scheint das Wundermittel für gutes Miteinander zu sein. Wie oft enden Debatten mit folgendem rührendem Gedankenspiel: Wenn wir empathischer wären, dann wäre die Welt eine bessere. Wenn es uns gelingen würde, uns mehr in andere einzufühlen, dann gäbe es keinen Raum für Radikalität. Wenn Einfühlungsvermögen eine Grundvoraussetzung für gesellschaftlichen Dialog wäre, dann würde es keine besorgten Bürger geben, keine Rechts- und keine Linksextremen, weniger Ismen und weniger Phobien. Wenn, dann.

Das Gedankenspiel beruhigt und macht den Bauch warm. Man müsste sich für diese bessere Welt schließlich nur zurückbesinnen. Auf das Herz statt den Verstand. Einmal nicht denken, sondern einfach nur fühlen.

Dieses Spiel ist in der Praxis natürlich gar nicht leicht, und vielleicht ist es sogar furchtbar überschätzt.

Es gibt Studien aus den Vereinigten Staaten, die behaupten, dass besonders die jüngeren Generationen, die Millennials und die Digital Natives, immer weniger in der Lage sind, Empathie zu empfinden. Statt sich in eine andere Person einzufühlen, also ihre Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale zu erkennen und nachzuempfinden, denken sie vor allem an sich selbst und an ihr eigenes Fortkommen. Sie sind die Super-Egoisten der postmodernen Welt und werden deshalb oft auch "Generation Me" genannt. Schuld an dieser Entwicklung ist laut dieser Studien das Internet, mit dem diese Generationen groß geworden sind.

Das Internet hat uns nämlich erst vorgegaukelt, dass es nun jenseits aller gesellschaftlicher Konventionen einen gemeinsamen Ort der Vernetzung und des Austauschs gebe. In Wahrheit aber hat es nur dazu beigetragen, dass wir uns ausschließlich in Filterblasen aus Gleichgesinnten bewegen. Und diese Blasen fühlen sich mittlerweile so kuschelig an, dass es gar keinen Grund mehr gibt, sich mit Andersdenkenden auseinandersetzen zu müssen.

Es ist eine traurige Feststellung und ein noch traurigerer Ausblick. Ist uns aufgrund dieser Entwicklungen und der Rangeleien der vergangenen Jahre die Fähigkeit, empathisch zu sein, abhandengekommen? Oder überschätzen wir einfach die Kraft der Empathie?

Ist es überhaupt möglich, für jeden Menschen und jede Position Empathie zu empfinden?

Es gibt dieses sehr kluge Zitat von der britischen Schriftstellerin Zadie Smith: "Wir hier im Westen romantisieren die Kraft von Empathie. Aber die Wahrheit ist: Empathie wird ein- und ausgeschaltet, wie es gerade passt."

Und so harsch diese zwei Sätze im ersten Moment auch klingen mögen: Ich finde, sie hat recht. Empathie ist ein Gefühl, das sich kaum steuern lässt. Es ist ein Gefühl, das nach Belieben kommt und geht. Das sich nur einstellt, wenn sich im eigenen Bauch ein geeigneter Landeplatz finden lässt oder ein Plateau, das diese emotionale Welle ins Rollen bringen kann.

Empathie kann nur in Filterblasen existieren

Empathie funktioniert vor allem dann, wenn du und ich uns ähnlich sind. Wenn ich mich selbst und meine eigenen Bedürfnisse gut genug kenne, um deine überhaupt wahrnehmen zu können. Wenn deine Wertvorstellungen meinen eigenen entsprechen. Wenn es in deiner und meiner Geschichte Überschneidungen gibt, auf die wir uns gemeinsam beziehen können. Wenn dein Leben auch mein Leben sein könnte.

Empathie kann also, realistisch und ohne rosarote Brille betrachtet, eigentlich nur in Filterblasen existieren. Offline wie online. Ich würde beispielsweise behaupten, dass die "Generation Me" oder das progressive linksliberale Milieu, aber auch die Anhänger der rechtsextremen Partei AfD für sich beanspruchen würden, in jeder Weise empathisch zu sein. Die Frage ist nur: Mit wem wollen wir empathisch sein, und wer hat unserer Meinung nach Empathie verdient?

Ich kann beim besten Willen nicht nachempfinden, wie Menschen die AfD wählen können und warum jemand den Opfern von Sexismus oder sexualisierter Gewalt ihre Glaubwürdigkeit absprechen würde. Aus meiner Sicht mangelt es diesen Menschen an Empathie für diejenigen, die sie dringend brauchten. Aber ein AfD-Anhänger oder verunsicherter Mann würde vermutlich ganz anders argumentieren. Wenn es um extreme Positionen geht, die wir nicht teilen, unterstellen wir unserem Gegenüber gern Bösartigkeit.

Aber die Beweggründe für radikale Wahlentscheidungen, Positionen oder Einstellungen liegen meistens natürlich ganz woanders. In den Wurzeln, die diese Menschen tragen. Und wahrscheinlich werde ich diese Wurzeln oder Gründe nie nachempfinden können, weil meine Erfahrungs- und Gefühlswelt in der Welt des anderen keinen Anker findet. Und länger darüber nachgedacht, müssen diese Unterschiede vielleicht auch gar nicht überwunden werden und es ist tatsächlich sehr in Ordnung, den eigenen Standpunkt zu behalten.

Denn das Problem unserer Zeit sind nicht diese jungen, empathielosen Menschen von heute (zu denen ich übrigens auch gehöre) oder das schreckliche Internet. Im Gegenteil: Das Internet kann sogar ein sehr nützliches Werkzeug sein, um die unterschiedlichen Standpunkte überhaupt ausmachen zu können.

Das Problem unserer Zeit ist vielmehr, dass wir die Empathie überbewerten. Ihr eine Rolle zuschreiben, die sie gar nicht erfüllen kann.

Der kanadisch-amerikanische Psychologe und Yale-Professor Paul Bloom hat einmal gesagt: "Empathie hat einige unglückliche Eigenschaften. Empathie ist engstirnig und zerstreut. Wenn wir schlau sein wollen, verlassen wir uns besser nicht darauf."

Für diese Ansicht ist Bloom sehr kritisiert worden. Und natürlich wäre ein euphorischer Appell für mehr Einfühlungsvermögen deutlich wohltuender und gemütlicher als ein Aufruf, endlich von der unkontrollierten Gefühlsduselei Abschied zu nehmen. Aber wir haben die Sache mit der Empathie schon viel zu lange vor uns hergeschoben. Haben aufeinander eingeredet. Ohne Erfolg.

Empathie ist tatsächlich nicht nur engstirnig und zerstreut. Empathie ist 2018 fehl am Platz. Empathie macht unsere Gesellschaft nicht schlechter, aber eben auch nicht besser. Empathie wird die ideologischen Grabenkämpfe, die wir seit einigen Jahren vehement austragen, nicht beenden. Das kann sie nicht. Das will sie nicht. Das wird sie nicht. Und das muss sie auch nicht. Es ist unmöglich, sich in 80 Millionen oder sogar sieben Milliarden andere Menschen einzufühlen. Empathie fühlt sich am wohlsten in intimen Familien- und Freundeskreisen. Dort wo die (Nächsten-)Liebe schon da ist und vielleicht nur endlich einmal wieder von ihrer Staubschicht befreit werden muss. Aber im gesellschaftlichen Kontext brauchen wir etwas anderes. Etwas, das nicht nur einfühlt, sondern einfordert. Nicht nachempfindet, sondern nachlegt. Das vorwärtsgeht, statt sich zurückzubesinnen. Keine passive, sondern eine aktive Fähigkeit.

In der Misere eines anderen verweilen

Empathie kann nicht mehr, als in der Misere, dem Unglück, der Unzufriedenheit eines anderen zu verweilen. Und in ein anderes Leben einzutauchen und es nachzuempfinden bedeutet ja auch, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Die Perspektive zu verkleinern statt zu vergrößern und vor lauter Empathie die unbequemen Fragen nicht zu stellen.

Paul Bloom, dieser unbeliebte kanadisch-amerikanische Psychologe, hat zum Beispiel auch festgestellt, dass der empathische Reflex dazu verführt, auf falsche Weise zu reagieren, und dass es tatsächlich zu viel Empathie an falscher Stelle geben kann. So viel, dass die Empathie in Rachsucht umschlägt.

Zum Beispiel, wenn man sich so in den Schmerz eines anderen Menschen einfühlt, dass man gemeinsam mit diesem Menschen unbedingt einen Schuldigen suchen will, der die Verantwortung übernehmen und zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Wenn die Empathie also nicht mehr das Bindeglied einer besseren Gesellschaft sein kann, was brauchen wir dann?

Ein weitsichtigerer Begleiter wäre zum Beispiel das Mitgefühl. Mitgefühl, anders als Empathie, spendet vor allem Trost, wahrt aber die nötige Distanz zum Gegenüber und kann dabei helfen, echte Lösungen für eine scheinbar aussichtslose Situation zu finden. Wenn Empathie die Wolldecke ist, unter der man sich gemeinsam verstecken kann, dann ist das Mitgefühl der heiße Tee, der vor allem Kraft spenden soll.

Mitgefühl erkennt die Schäden auf der inneren Landkarte eines Menschen an, aber empfindet sie nicht nach und regt stattdessen dazu an, endlich einmal tätig zu werden. Mitgefühl zu empfinden und anzunehmen, muss man tatsächlich lernen und sich aneignen. Mitgefühl erfordert, dass man nicht nur die eigene Sentimentalität, sondern auch die eigene Vernunft walten lässt.

Leider erinnert das Mitgefühl immer auch an Mitleid. Und Mitleid will bekanntlich niemand. Aber was wäre, wenn Mitgefühl nicht bedeuten müsste, dass derjenige, der den Tee kocht, dem Teetrinkenden automatisch überlegen ist? Wenn Mitgefühl einfach nur heißen könnte, dass es jemanden gibt, der die Hand ausstreckt und mal nachfragt, ob alles okay ist und wie es nun weitergehen soll?

Wir sind, das haben die Diskussionen und das Leben zwischen radikalen Positionen gezeigt, nicht gut beraten, wenn wir uns auf unsere Empfindungen zurückwerfen lassen. Wenn wir aufhören, Fragen zu stellen. Diese Welt braucht klare Köpfe statt warmer Bäuche.

"Empathie", so Paul Bloom, "wird der Vernunft weichen müssen, wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll."

Das klingt schlimm pathetisch und sehr ernst. Befreit aber auch von dem ewigen Druck, kooperieren zu müssen. Die Amerikanerin Joan Didion, noch so eine kluge Schriftstellerin, schrieb einmal: "Remember what it was to be me: that is always the point." Sich daran zu erinnern, wer man ist und was dieses Ich ausmacht, scheint vielleicht nicht besonders empathisch zu sein, ist aber in jedem Fall vernünftiger. Denn es meint, dass dieses Ich, und mit diesem Ich fängt ja alles an – jede Begegnung, jeder Austausch, jede Veränderung –, sehr genau weiß, wo es steht.

Dieses Ich kennt seine moralischen Verpflichtungen und hat eine Haltung. Wenn es dann noch gelingt, anzuerkennen, dass das Leben des anderen genauso viel wert ist wie das eigene, brauchen wir die Empathie tatsächlich nicht mehr. Außer vielleicht an dunklen Winternachmittagen, wenn die kleine Schwester betrübt auf dem Sofa sitzt, weil sie Herzschmerz hat und man sich, nachdem man versucht hat, Trost zu spenden, selbst an diese emotionalen Achterbahnfahrten in Teenagertagen zurückerinnert.