Einmal im Museum, immer im Museum. Das gilt gemeinhin als eherner Grundsatz. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, dass Museen Kunstwerke auch verkaufen können. Tatsächlich kommt das aber gar nicht so selten vor.

Je größer und bedeutender ein Haus ist, desto mehr Kunstwerke ruhen im Depot. Trotzdem erntete Michael O’Hare, Professor im kalifornischen Berkeley, vehementen Widerspruch, als er den Museen kürzlich empfahl, sie sollten Teile ihrer unsichtbaren Bestände verkaufen, um allen Besuchern freien Eintritt zu ermöglichen. Anlass des Streits war die Ankündigung des Metropolitan Museum in New York, von März an Nicht-New-Yorkern 25 Dollar Eintritt abzuverlangen. Bisher war der Eintritt gratis, Besucher wurden lediglich um eine Spende gebeten.

Damit goss O’Hare kräftig Öl ins Feuer einer Debatte, die gerade in Amerika aufgeflammt ist. Ihr Stichwort heißt: deaccessioning, was frei übersetzt das Verscherbeln von Kunstwerken bedeutet. Alles hat damit begonnen, dass das Berkshire Museum in den Bergen von Massachusetts 40 Bilder versteigern lassen will, um das Haus zu renovieren und sich ein Finanzpolster zuzulegen. Zu den ausgewählten Kunstwerken gehören zwei Gemälde von Norman Rockwell, die mit ihrer humorvoll-realistischen Überhöhung des Alltags Ikonen des amerikanischen Selbstverständnisses sind.

Was die Sache noch pikanter macht: Norman Rockwell höchstpersönlich hatte die Bilder im Jahr 1958 dem Museum geschenkt – anderthalb Jahrzehnte bevor das Wort deaccessioning erstmals Karriere machte. 1972 verkaufte das Metropolitan Museum nämlich drei Gemälde von Max Beckmann. Das war ein Signal.

Was zuvor eher heimlich und unter der Hand geschah, spiegelte sich fortan in den Auktionskatalogen. So hat allein das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), wie es der Künstler Michael Asher 1998 dem Haus vorrechnete, seit seiner Gründung mehr als tausend Werke verkauft, darunter Kunst von de Chirico, Pollock, Picasso und Henri Laurens. Andere große Museen des Landes wie das New Yorker Guggenheim, das Art Institute of Chicago oder das Los Angeles County Museum taten es dem MoMA gleich.

Ein beliebter Trick: Ein Sponsor kauft das Gemälde – und belässt es im Museum

Rechtlich ist das kein Problem. Amerikanische Museen, gewöhnlich als Stiftungen oder nicht staatliche Institutionen gegründet, dürfen Teile ihrer Sammlungen verkaufen. Allerdings sprechen sich die einflussreiche American Alliance of Museums (AAM) und die Association of Art Museums Directors (AAMD) bis heute vehement dagegen aus. Der Plan des Berkshire Museum kann ihnen ebenso wenig gefallen wie das Vorhaben der La Salle University in Philadelphia, die jüngst wissen ließ, man werde 46 Gemälde aus dem universitätseigenen Museum zugunsten einer "Strategie der Innovation" versteigern lassen.

Die Debatte wird vor allem in den USA geführt. Doch auch in Deutschland hat der Verkauf von Museumskunst eine lange Tradition. Beschönigend schreibt Wilhelm von Bode, der Direktor der Berliner Museen, 1887 in seinen Erinnerungen: "Der absolut unbrauchbare Rest kam einige Zeit darauf im Kunstauktionshaus Rudolph Lepke zur Versteigerung; mehr als tausend Bilder, die einen Durchschnittspreis von 7,50 Mark erzielten." Auch Berlins Kupferstichkabinett verkaufte wiederholt "Doubletten aller Zeiten und Schulen". Münchens Pinakothek gab 1938 vier Gemälde des Rembrandt-Schülers Gerrit Dou zur Auktion. Und im historischen Inventar des Kölner Wallraf-Richartz-Museums findet man mitunter den Vermerk: "verkauft", etwa bei Werken von Dahl oder Defregger und nach 1938 sogar bei Gauguin und Munch.

Und nach 1945? Da musste 1987 Renoirs Blumenstrauß mit "gut einer Million" Mark den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle finanzieren helfen. Das Osthaus-Museum Hagen gab einen Vuillard und 1998 Gerhard Richters Seestück – angeblich für das Haus "zu groß" – in den Handel. Nur in Krefeld scheiterte die Versteigerung von Claude Monets Parlament, Sonnenuntergang am öffentlichen Protest.

Bonns Kunstmuseum verlor fast den Sandteichdamm von Georg Baselitz, nachdem Walter Smerling der Stadt mit der großspurig inszenierten Ausstellung Zeitwenden ein Defizit von 1,9 Millionen Mark beschert hatte. Am Ende erwarb die Bonner Sparkassenstiftung das Gemälde zwar für 400.000 D-Mark – beließ es aber am gewohnten Platz im Museum. Eine solche Lösung soll jetzt auch ein Richter für die Rockwell-Gemälde des Berkshire Museum aushandeln.

Dass damit die neueste Runde des deaccessioning zum Stillstand kommen könnte, bleibt trotzdem eine Illusion. In Zeiten knapper Kassen und hoher Preise am Markt ist die Verlockung einfach zu groß.