Die AfD hat gewonnen. Das Bundesverfassungsgericht gibt der Partei recht: Die CDU-Bildungsministerin Johanna Wanka hat das Neutralitätsgebot verletzt, als ihr Haus im Herbst 2015 eine Pressemitteilung mit dem Titel "Rote Karte für die AfD" herausgab. Wer die Autorität seines Amtes in Anspruch nehme, der müsse sich parteipolitisch zurückhalten, erklärten die Verfassungsrichter in ihrer Urteilsverkündung. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Umso bitterer ist es, dass sich die AfD nun einmal mehr als Opfer eines Systems präsentieren kann, das sich angeblich gegen sie verschworen hat. Genau so wirkt zumindest der Fall Wanka: Im Streit mit den Rechtspopulisten nehmen es die Etablierten in Berlin nicht so genau und laden auch schon mal eine Wahlkampf-Botschaft auf der Homepage eines Ministeriums hoch. Das ist kein Kleinkram, sondern ein ärgerlicher Fehler im Umgang mit einer Partei, die ständig darauf lauert, ihren Konkurrenten vorwerfen zu können, geltende Regeln zu brechen, um die eigene Macht zu sichern.

Auch ist es nicht das erste Mal, dass die AfD dazu Gelegenheit bekommt: Als sich abzeichnete, dass der AfD-Politiker Wilhelm von Gottberg Alterspräsident des Bundestages werden könnte, änderte das Parlament wenige Wochen vor der Wahl kurzerhand die Geschäftsordnung. Gottberg wurde als Alterspräsident verhindert, die AfD empörte sich. Ähnlich lief es bei seinem Fraktionskollegen Albrecht Glaser, den die Abgeordneten der anderen Parteien bei der Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages mit Verweis auf dessen islamkritische Aussagen dreimal durchfallen ließen, obwohl er die formalen Anforderungen für das Amt erfüllte. Tagelang durfte Alexander Gauland in Interviews schimpfen und Alice Weidel in Kameras zetern. So viel Aufmerksamkeit hätte die Partei mit ihrer parlamentarischen Arbeit nie erzielen können.

Wer trickst, um die AfD zu bekämpfen, schadet ihr nicht, sondern hilft ihr – diese Lehre lässt sich ziemlich genau fünf Jahre nach der Parteigründung gut belegbar formulieren. Und sie wird umso wichtiger jetzt, da die AfD nicht mehr nur in einem Dutzend Landtagen, sondern auch im Bundestag sitzt. Er ist die größte politische Bühne im Land. Das Urteil aus Karlsruhe verpufft deshalb nicht einfach. Das ganze Land erfährt davon in der Tagesschau.

Dass es auch anders geht, man die Partei stellen kann, auch ohne zu tricksen, zeigt ein Beispiel aus der vergangenen Woche. Als die AfD wenige Tage nach der Freilassung des Welt-Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft forderte, die Bundesregierung solle sich von dessen Artikeln distanzieren, trat Grünen-Fraktionschef Cem Özdemir ans Sprechpult und hämmerte in einer spontanen Erwiderung auf die AfD-Abgeordneten am rechten Rand des Parlaments ein: "Sie sind aus demselben faulen Holz geschnitzt wie Erdoğan. Die AKP hat in Deutschland einen Ableger, und der sitzt hier." Wolfgang Kubicki von der FDP sprach über das seltsame Verhältnis der AfD zur Pressefreiheit und nannte den AfD-Antrag "intellektuell erbärmlich". Harte Worte, über die sich streiten lässt. Nur ist der Plenarsaal eben genau das: der richtige Ort zum Streiten.

Anstatt die AfD und damit auch ihre knapp sechs Millionen Wähler mit Verfahrenskniffen an der Wahrnehmung ihrer Rechte zu hindern oder sie mit der Macht einer Ministerin anzugreifen, sollten die Parteien genau hier die direkte Konfrontation suchen: im Parlament, vor den Augen der Öffentlichkeit, Argument gegen Argument, ganz demokratisch. Die Debatte um den AfD-Antrag zu Deniz Yücel zeigt zweierlei: Gemessen an den Klickzahlen im Netz war das Interesse an der Auseinandersetzung Özdemir versus AfD riesig. Eine Parlamentsrede wurde zum viralen Hit. Und: So stumpf und ideenlos sind Teile der parlamentarischen Arbeit der AfD, dass sie sich ohne große Mühe und vor prominenter Kulisse medienwirksam zerpflücken lassen.

Im Umkehrschluss gilt der Lehrsatz zur AfD nämlich auch: Wer sich an die Regeln hält, fair spielt und der Partei mit offenem Visier begegnet, der hat auch gute Chancen, die Auseinandersetzung zu gewinnen.