Nicu und Jess haben bisher in unterschiedlichen Welten gelebt. Er ein Roma-Junge mit traditionsverhafteten, strengen Eltern, sie ein britischer Teenager, der unter einer ängstlichen Mutter und deren tyrannischem Freund leidet. Doch trotz der unterschiedlichen Herkunft eint die beiden 15-Jährigen eines: Beide sind zum dritten Mal beim Klauen erwischt worden und müssen deshalb Sozialstunden ableisten, Müll sammeln im Park, solche Sachen. Auch an einem Sozialtraining müssen sie teilnehmen, Flöße bauen und so. Sie hätten sich unter günstigeren Umständen treffen können.

Nicu ist erst seit einem Monat in London, und seine Eltern haben auch nicht vor, lange zu bleiben. Der Vater hofft durch den Verkauf von Altmetall aufs schnelle Geld. Das braucht er, um die Familie auszuzahlen, mit deren Tochter Nicu verheiratet werden soll. Eine arrangierte Hochzeit, bei der das künftige Ehepaar nichts mitzureden hat. Ein Albtraum für Nicu. Zurück nach Rumänien? Und dann noch eine ihm Unbekannte heiraten? Nein danke. Lieber erträgt er die feindseligen Blicke angesichts seines erkennbar fremden Aussehens in England, als sich wieder dem elenden Leben in der Heimat zu stellen. Außerdem ist er in Jess verliebt.

Bei der zu Hause geht es auch alles andere als harmonisch zu. Jess hadert mit ihrer Mutter, die sich immer wieder von ihrem gewalttätigen Freund Terry erniedrigen lässt. Nach außen hin schützt das Mädchen sich gegen das häusliche Drama mit einem Panzer aus gespielter Coolness und Ihr-könnt-mich-mal-alle-Ton. Insgeheim jedoch ist Jess einsam, fühlt sich verloren, wünscht sich weg von allem. Nicus Schwärmerei aus der Ferne erwidert sie anfangs nicht. Für sie ist er "ein eingewanderter Zigeunerjunge, / der aussieht wie ein Wolf".

Die Geschichte der irischen Autorin Sarah Crossan und ihres schottischen Kollegen Brian Conaghan spielt in einem harten sozialen Milieu. Einem, in dem Jugendliche sich zu Cliquen zusammentun und Außenseiter und Schwächere schikanieren und mobben. Wer ist der Stärkere? Wer die Schönere? Wer steht ganz oben? Gute Jugendliteratur nimmt sich solcher Themen an; was Nicu & Jess allerdings so besonders macht und auszeichnet, ist der dritten Hauptrolle geschuldet, der Sprache.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Perspektive von Nicu und Jess erzählt – und vor allem: in Versform, was zu einer unglaublichen Verdichtung führt. Sie spiegeln idiomatisch auch zwei völlig gegensätzliche Welten: Während Jess’ Wut sich in scharfrichterlichen, trockenen Sprüchen entlädt ("Wenn wir Kumpel sein wollen, / kannste nicht quatschen wie ein Idiot, Nicu"), muss Nicu sich aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse mit dem wenigen behelfen, was er kennt. Mitunter ist das komisch oder auch herzzerreißend, und es beschert herrliche Wortschöpfungen, etwa den "Regenschirmbaum" für einen Baum, unter dem man bei Regen Schutz suchen kann, oder die "professionelle Eisfrau" für Jess’ perfekte Schlittschuhlaufkünste.

Nicu möchte die neue Sprache unbedingt lernen, aber er fürchtet sie auch: "Es sein harte Melone zu knacken, / seltsame Sprache mit viel seltsame Ausdrucken." Er benutzt keine Kanak-Sprak und keinen Szenejargon, sein gebrochener Wortkosmos entspricht vielmehr dem eines rumänischen Roma-Jungen – was sich in der deutschen Übersetzung von Cordula Setsman meisterhaft liest. Crossan und Conaghan unternehmen den ernsthaften Versuch, Gefühle und Sachverhalte in einer Sprache darzulegen, die eine ihrer Hauptfiguren nur unvollkommen beherrscht. Durchaus riskant, aber das Autorenduo hat dafür eine vollendete Form gefunden, ohne Klischees zu bedienen oder jemanden vorzuführen.

Dass Nicu und Jess sich langsam annähern, stellt beide auf harte Proben. Während Nicu beschimpft, beleidigt, getreten wird und alles erträgt, um nicht aufzufallen und in England bleiben zu können, entfernt Jess’ wachsende Loyalität zu ihm sie von ihren Freunden. Und auch die familiäre Situation spitzt sich bei beiden zu. Jess’ Stiefvater wird immer zudringlicher, und Nicus verordneter Hochzeitstermin rückt bedrohlich näher. Es scheint nur einen Ausweg zu geben: die Flucht.

Aber das Glück ist nicht auf ihrer Seite. Auf dem Weg zum Bahnhof geschieht, was Nicu immer vermeiden wollte: Er setzt sich zur Wehr. Nicu, der sensible Junge, der immer darauf bedacht ist, das Richtige zu tun, dessen sprachliche Mängel seine Wahrnehmung umso mehr schärfen, Nicu, der verliebte Romantiker ("Und ich träume von dir letzte Nacht, / aber meine Augen nicht schließen für schlafen, / und es regnet in meine Magen, / und es stürmt in meine Herz") – dieser Nicu vergisst sich für einen Moment.

Crossan und Conaghan halten das Ende offen, trotzdem ahnt man nichts Gutes. Die Geschichte von Nicu und Jess klingt lange nach, wühlt seltsam auf und stimmt nicht zufrieden. Dass es nicht an den beiden liegt, ist umso schlimmer.

Sarah Crossan/Brian Conaghan: "Nicu & Jess".  Deutsch von C. Setsman; Mixtvision Verlag 2018; 300 S., 16,90 €