DIE ZEIT: Nevada, Texas, jetzt Florida – allein in den letzten fünf Monaten kamen bei drei Amokläufen über hundert Menschen ums Leben. Was, Mr. Keene, muss noch geschehen, bevor auch die NRA sagt: Stoppt diesen Waffenwahnsinn?

David Keene: Wir sind genauso entsetzt, wir sind auch Väter und Mütter. Aber nicht die Waffen sind schuld an den Tragödien, sondern einige wenige kranke Menschen, die nie ein Gewehr hätten haben dürfen. Doch statt sich darauf zu konzentrieren, wie man die Sicherheit verbessert, treten unsere Gegner jedes Mal sofort einen ideologischen Streit über das Grundrecht auf Waffenbesitz los.

ZEIT: Zum ersten Mal protestieren nun auch Zehntausende Schüler gegen die Politik der NRA. Wie können Sie sich da noch immer gegen jede noch so kleine Verschärfung des Waffenrechts sperren?

Keene: Beide Seiten denken oft zu ideologisch, auch einige von uns. Solange ich mich zurückerinnern kann, war das politische Klima in Amerika noch nie so aufgeheizt wie jetzt. Manche dieser jungen Demonstranten werden von Waffengegnern instrumentalisiert, viele aber haben ernsthafte Sorgen. Darum hoffe ich, dass wir, wenn sich die Emotionen gelegt haben, ehrlich miteinander reden können, um die Sicherheit zu verbessern. Bevor man neue Gesetze fordert, sollten aber erst einmal die vorhandenen durchgesetzt werden. So dürfen zum Beispiel Straftäter oder psychisch Kranke keine Waffen kaufen. Aber viel zu häufig landen ihre Namen nicht auf der einschlägigen Verbotsliste. Es ist auch nicht erlaubt, Waffen über einen Strohmann zu erwerben, trotzdem geschieht es. Das ist schlimm.

ZEIT: Die meisten Amokläufer waren zuvor weder straffällig, noch wurde bei ihnen eine psychische Krankheit festgestellt. Sie kauften ganz legal ein Gewehr ...

Keene: ... aber viele, wie der Attentäter von Florida, waren bereits sozial auffällig und galten als gefährlich. Es gab Warnsignale. Deshalb bin ich durchaus dafür, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man auch diesen potenziell gefährlichen Menschen den Waffenkauf erschwert. Das wird nicht einfach werden. Einige Bundesstaaten weigern sich, selbst jene, deren psychische Störung medizinisch festgestellt wurde, auf die rote Liste zu setzen. Ihr Argument: Die Kranken würden stigmatisiert. Um die Situation kurzfristig zu verbessern, müssen wir jetzt vor allem die Sicherheit in den Schulen erhöhen. Wir schützen zwar Banken und Schmuckläden, lassen aber unsere Kinder im Stich.

ZEIT: Sie trainieren Lehrer im Umgang mit Schusswaffen, zeigen Schülern, wie man in Deckung geht und Klassenräume verriegelt. Sie plädieren dafür, bewaffnete Sicherheitsleute einzustellen. Schulen als Festungen, Auf- statt Abrüstung – ist das die Zukunft?

Keene: Das sagen Sie als Europäer, wir Amerikaner sind anders gepolt. Waffen sind Teil unserer Kultur, unserer Gründungsgeschichte. Das Recht auf Waffenbesitz ist in unserer Verfassung verankert – und zwar ganz weit vorne, bereits im zweiten Verfassungszusatz. Im Jahr 2008 erst hat unser Oberstes Gericht entschieden: Eine Waffe zu haben ist ein individuelles Recht, ein Bürgerrecht.

ZEIT: Können sich Kulturen nicht verändern? Großbritannien und Australien, zwei Länder, die den Vereinigten Staaten kulturell nahestehen, haben nach zwei schrecklichen Amokläufen ihre Waffengesetze 1996 radikal verschärft.

Keene: Man kann sie nicht mit uns vergleichen. Dort besitzen seit je vor allem die Eliten eine Waffe, die Jäger im Lodenmantel, aber nicht das gemeine Volk. Ganz anders in Amerika, bei uns sind gerade die kleinen Leute Waffeneigner und sehr stolz darauf. Zu jagen, zu schießen, sich selber mit einem Gewehr oder einer Pistole verteidigen zu können – das ist Teil unserer Tradition, unserer sozialen Identität, gerade auf dem Land außerhalb der großen Städte. Da schließen ganze Schulen, Firmen und Gerichte, wenn die Damwild- oder Entenjagd beginnt.