Als die Vertreter der verschiedenen Seiten am Montag in einem Potsdamer Hotel am Templiner See eintrafen, wurden sie schon erwartet: Polizisten, Sparkassenmitarbeiter und Beamte in Warnwesten pusteten in ihre Trillerpfeifen und drehten Ratschen. So begann, unschwer zu überhören, die nächste Tarifrunde – diesmal im öffentlichen Dienst. Anders als bei den Verhandlungen in der Metallbranche, die vor einigen Wochen auch für mehr Freizeit stritt, geht es nur um Lohnerhöhungen. Doch was heißt schon "nur". Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fordert für die 2,3 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen sechs Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 200 Euro monatlich. Für gering bezahlte Berufsgruppen wie zum Beispiel Pflegehelfer wären das fast zehn Prozent mehr.

Ver.dis zentrales Argument jenseits der guten wirtschaftlichen Lage: Die Tarifgehälter im öffentlichen Dienst seien in der Vergangenheit weniger stark erhöht worden als in anderen Branchen. Um rund vier Prozentpunkte liege der öffentliche Dienst in der Entwicklung zurück, es gäbe einen Nachholbedarf. "Diese Lücke gilt es zu verringern", forderte ver.di-Chef Frank Bsirske.

Aber stimmt das?

Ver.di-Vertreter errechneten, wie sich die Tariflöhne von 2000 bis 2017 verändert haben. Das Ergebnis: Im öffentlichen Dienst stiegen die Löhne um etwa 44 Prozent, in der Gesamtwirtschaft aber um 48 Prozent. Aus diesem Vergleich stammen also die vier Prozentpunkte Unterschied, auf die sich die Gewerkschaft beruft. Vergleicht man in dieser Statistik die Beschäftigten im öffentlichen Dienst mit denen in der Metallindustrie, bekamen jene im öffentlichen Dienst sogar mehr als 11 Prozentpunkte weniger draufgeschlagen. Die Zahlen, auf die sich ver.di beruft, stammen aus dem Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die gehört zum Deutschen Gewerkschaftsbund, dessen Mitglied ver.di ist.

Arbeitgeber bestreiten die Lohnlücke

Alles überzogen, behauptet die Arbeitgeberseite, darunter der Bund und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA). Die VKA bestreitet die Lohnlücke und zeigt in einer eigenen Publikation wiederum, dass die Löhne im öffentlichen Dienst in den vergangenen Jahren sogar stärker gestiegen seien als in der Gesamtwirtschaft.

Die VKA verwendet als Quelle für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Daten von der Bundesbank. Und auch der Zeitraum unterscheidet sich: Die kommunalen Arbeitgeber betrachten die Steigerung der Tarifentgelte erst ab 2008. Dabei vergleichen sie nicht die Veränderung über den gesamten Zeitraum, sondern für jedes Jahr einzeln. Ihr Ergebnis: Die Löhne im öffentlichen Dienst nahmen in acht der vergangenen zehn Jahre mehr zu als in der Gesamtwirtschaft, teilweise deutlich. So kommen sie zu ihrer Aussage, der öffentliche Dienst habe keinen Nachholbedarf bei der Erhöhung der Tarifgehälter, sondern liege sogar vorn.

Vergleicht man beide Berechnungen, zeigen sich zwei Erklärungen für die Unterschiede: Die Datenquellen und die Zeiträume. Zahlen für die Entwicklungen der Tarifgehälter erheben die Bundesbank und das WSI-Tarifarchiv, aber auch das Statistische Bundesamt.

Entwicklung der Tarifgehälter im Zeitvergleich

Statistiker in den verschiedenen Einrichtungen gewichten die Zahlen anders, vergleichen auf Basis des Stunden- oder Monatslohns und beziehen Sonderzahlungen und Urlaubsgeld mit ein oder nicht. So ergeben sich Unterschiede, die stark ins Gewicht fallen können. Hätte sich beispielsweise die VKA nicht auf die Bundesbank-Daten zur Erhöhung der Tariflöhne in der Gesamtwirtschaft als Vergleich gestützt, sondern auf jene des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs, wäre sie zu einem anderen Ergebnis gekommen: Demnach wurden die Gehälter im öffentlichen Dienst von 2008 bis 2016 nur viermal stärker erhöht als in der Gesamtwirtschaft und nicht siebenmal, wie die VKA auf Basis der Bundesbank-Daten angibt. Hätten die kommunalen Arbeitgeber mit den WSI-Zahlen gerechnet, hätten sie mit dieser Methode nicht belegen können, dass im öffentlichen Dienst die Tarifgehälter meist stärker erhöht wurden als in der Gesamtwirtschaft. "Wir wollen möglichst neutrale Daten nutzen, deshalb stützen wir uns auf die Informationen der Bundesbank", sagt VKA-Referent Georg Struch auf Anfrage.

Zufall, welche Daten sich die kommunalen Arbeitgeberverbände angeschaut haben? Mitnichten!

Und der gewählte Zeitraum? Zufall? Mitnichten. Er hat einen enormen Effekt: Geht man auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts noch weiter zurück als ver.di, bis in die neunziger Jahre, zeigt sich eine noch größere Lohnlücke: Von 1995 bis 2017 sind die Gehälter im öffentlichen Dienst sogar um 21 Prozentpunkte weniger angestiegen als in der Metallindustrie. Verwendet man die Daten des WSI-Tarifarchivs, mit denen ver.di rechnet, wählt aber statt der letzten 18 Jahre nur die letzten elf Jahre, also von 2007 bis 2017, dann zeigt sich: Im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen wurden die Tarifgehälter um 30,2 Prozent erhöht, in der Metallindustrie um 30 Prozent, knapp weniger. Deutlicher liegt die Erhöhung im öffentlichen Dienst vor dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt: fast zwei Prozentpunkte. Für diesen Zeitraum zeigt sich also kein Nachholbedarf für den öffentlichen Dienst bei der Anpassung der Tariflöhne, sondern, will man einen Nachholbedarf sehen, eher einer, der andersherum verläuft – wie es die VKA behauptet.

"Schaut man sich die Entwicklung der Tarifgehälter im Zeitvergleich an, dann sieht man, dass der öffentliche Dienst eine Zeit lang der Gesamtwirtschaft hinterherhinkte. Seit 2008 hat der öffentliche Dienst aber spürbar aufgeholt", sagt Hagen Lesch, Leiter des Kompetenzfelds Tarifpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft. Das liegt auch daran, dass nach der Wirtschaftskrise 2008 in anderen Branchen, vor allem der Metallindustrie, nur sparsam erhöht wurde. "Ob die Lücke zwischen dem öffentlichen Dienst und der Gesamtwirtschaft durch die Erhöhungen der vergangenen Jahre bereits geschlossen wurde oder nur verringert, darüber lässt sich streiten", sagt Lesch.

So zeigt ver.di mit dem langen Zeitvergleich einen Nachholbedarf – und die Arbeitgeber mit einer kürzeren Spanne, dass die Gehälter überdurchschnittlich stiegen. "Solche Zeitvergleiche machen nur ab 2005 Sinn, weil es erst seither den neuen Tarifvertrag gibt", sagt Struch von der VKA. Daniela Milutin, Sprecherin von ver.di, argumentiert: "Richtig ist, die 2000er Jahre waren magere Jahre bei Tarifabschlüssen im öffentlichen Dienst. Erst ab 2008 konnte in Tarifverhandlungen etwas aufgeholt werden. Aber es gibt immer noch einen Abstand. Diesen gilt es jetzt aufzuholen."

"In der Privatwirtschaft wird viel öfter außertariflich bezahlt, im öffentlichen Dienst ist nahezu jeder tariflich gebunden."
Hagen Lesch, Tarifexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft

Die kommunalen Arbeitgeber präsentieren in ihrer Broschüre auch für konkrete Berufsgruppen, wie stark die Löhne angestiegen sind. Das Einstiegsgehalt für einen Müllwerker beispielsweise liegt heute fast 34 Prozent höher als noch vor zehn Jahren. Ein Erzieher bekommt in der Endstufe 57 Prozent mehr als noch 2007. Und ein Jurist verdient knapp 30 Prozent mehr. "Im Vergleich zu Tarifgehältern in anderen Branchen liegt vor allem das Endgehalt im öffentlichen Dienst heute eher hoch", sagt Tarifexperte Lesch. "Vergleicht man das, muss man aber vorsichtig sein: In der Privatwirtschaft wird viel öfter außertariflich bezahlt, im öffentlichen Dienst ist nahezu jeder tariflich gebunden."

In Potsdam endete die erste Tarifrunde ohne Ergebnisse. "Die wechselseitigen Positionen seien vertiefend erörtert worden", gaben die kommunalen Arbeitgeber bekannt. Ver.di kündigte umgehend Warnstreiks an: Die Friedenspflicht endete am Mittwoch dieser Woche, von nun an dürfen die Beschäftigten streiken. Der Termin für die nächste Gesprächsrunde steht bereits: Am 12. März wollen Gewerkschaften und Arbeitgeber weiterverhandeln.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurden an zwei Stellen Prozentpunkte mit Prozent verwechselt. Richtig ist, dass im öffentlichen Dienst die Löhne um etwa 44 Prozent und in der Gesamtwirtschaft um 48 Prozent stiegen. Ebenso wurden die Tarifgehälter im öffentlichen Dienst um 30,2 Prozent erhöht, in der Metallindustrie um 30 Prozent.