Gegen zwölf Uhr mittags springt im Dienstzimmer des Reviers erstmals der Rauchmelder an. Die Beamten sagen aus, sie hätten den Alarm zunächst nicht ernst genommen, der Rauchmelder habe öfter verrückt gespielt. Überwachungskameras gibt es nicht in der Zelle, und die Gegensprechanlage sei, weil Jalloh unaufhörlich geschimpft habe, womöglich vom Dienstgruppenleiter leise gedreht worden – hier widersprechen sich die Aussagen der Polizisten. Nach dem dritten Feueralarm machen sie sich dann doch auf den Weg zu Jalloh. Jetzt brennt es in der Zelle lichterloh, ein Durchkommen ist nicht mehr möglich. Die Feuerwehr ist danach 20 Minuten lang mit Löschen beschäftigt; die Leiche Jallohs ist völlig verkohlt.

Die Ermittler gehen sofort von Selbsttötung aus. Einen Beamten des Landeskriminalamts, der ein Video vom Tatort macht, hört man sagen: "Ich begebe mich jetzt in den Keller, in dem sich ein schwarzafrikanischer Bürger in einer Arrestzelle angezündet hat." Auch die Dessauer Staatsanwaltschaft wird später erklären, dass sich Oury Jalloh wohl selbst angezündet habe, mittels eines Feuerzeugs, das von den Polizeibeamten bei der Leibesvisitation übersehen oder in der Zelle verloren worden sei. Der gefesselte Jalloh habe den Matratzenbezug auftrennen und das Innere anzünden können. Später werden zwei Polizisten angeklagt: der Dienstgruppenleiter, der den Alarm ignoriert, und jener Abtaster, der das Feuerzeug übersehen haben soll.

Desinteresse kann man der Strafjustiz nicht vorwerfen: Beim ersten Prozess in Dessau-Roßlau werden aus den angesetzten 6 Verhandlungstagen zuletzt 58, auch weil die Polizisten einander widersprechen. Da gibt es die junge Beamtin Beate H., die ihren Vorgesetzten bei der Vernehmung zunächst belastet hat: Der Dienstgruppenleiter habe den ersten Alarm aus Jallohs Zelle ignoriert, sie habe ihn auffordern müssen nachzusehen; auch habe sie mit ihm wegen der Lautstärke der Gegensprechanlage gestritten. Vor Gericht entlastet Frau H. den Vorgesetzten plötzlich. Auch andere Polizisten widersprechen sich, was den Vorsitzenden Richter so erzürnt, dass er droht: "Ich werde diesen Prozess in Grund und Boden verhandeln." Er lädt immer mehr Beamte vor, bloß bringt das keine Erkenntnisse. Das Verfahren endet im Freispruch der Angeklagten und im Wutanfall des Vorsitzenden. Das Gericht, sagt er, habe keine Chance auf ein rechtsstaatliches Verfahren gehabt. Das Verfahren sei "gescheitert", es habe "Pleiten, Pech und Pannen" bei den Ermittlungen gegeben und "erschreckende" Falschaussagen der Polizisten. Der damalige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer fordert die Polizisten auf, "zur Wahrheitsfindung" beizutragen und "Schaden vom Land abzuwenden".

Zu den Merkwürdigkeiten zählen die Beweisstücke: Da ist das Video der Tatortbegehung. Es bricht nach wenigen Minuten ab, obwohl deutlich länger gefilmt worden sein müsste. Da ist das Feuerzeug, das den Brand entzündet haben soll. Es fehlt auf der ersten Asservatenliste. Angeblich fiel es den Ermittlern zuerst nicht auf. Erst Tage später werden Reste eines angeschmorten Feuerzeugs in einer Asservatentüte voll mit Brandschutt bemerkt. Weil der Bundesgerichtshof (BGH) das erste Urteil wegen lückenhafter Beweisführung aufhebt, kommt es zum zweiten Prozess. Er dauert 67 Prozesstage. Jetzt wird der Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung zu 10 800 Euro Geldstrafe verurteilt: Er hätte die Zelle kontrollieren müssen. Der BGH bestätigt 2014 das Urteil. Damit hätte die Sache zu Ende sein können. Ist sie aber nicht.

Dass keine Ruhe einkehrt, hat mit dem öffentlichen Misstrauen zu tun, das die Prozesse nicht ausräumen konnten, mit dem Schweigen der Beamten und mit der "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh", einem Bündnis, das sich zunächst aus Jallohs Freundeskreis rekrutierte, dem heute unzählige Unterstützer angehören. Es gibt nicht wenige Stimmen, die finden: Das sind Aktivisten, die nerven, weil sie den Eindruck erwecken, der Rechtsstaat arbeite nicht richtig. Das stimmt: "Wir vertrauen der Justiz nicht", sagt Nadine Saeed, eine Sprecherin der Initiative. Den Vorsitzenden des Rechtsausschusses im Landtag, Detlef Gürth (CDU), stört das: "Der Fall Jalloh zeigt genau das Gegenteil eines nicht funktionierenden Rechtsstaates", sagt er. "Es gab lange Ermittlungen, zwei Prozesse, der Fall war beim Generalbundesanwalt sowie dem Bundesgerichtshof: Was soll da vertuscht worden sein?" Im Januar drückte sich Gürth auf Facebook weniger gewählt aus: "Wer von den Demonstranten hat sich mal erkundigt, wie es ist, einen zugedröhnten, aggressiven Kokser zu hindern, sich und andere zu verletzen, indem man ihn fixieren muss?"

Offenbar gibt es aber viele Menschen, die finden, dass die Jalloh-Initiative Unterstützung braucht. Zwischen 2013 und 2016 sammelte sie nach eigenen Angaben rund 100 000 Euro Spendengelder. Davon finanziert sie Untersuchungen und bringt Bewegung in den Fall. Zuletzt durch jenes Gutachten, das den Behördenleiter Bittmann ins Grübeln brachte: Ein irischer Brandgutachter wurde gebeten, die Geschehnisse im Polizeirevier nachzustellen. Er kommt zum Schluss: Es müsse Brandbeschleuniger im Einsatz gewesen sein, anders ließen sich die heftigen Brandschäden in der Zelle nicht erklären. Damit widerspricht er früheren Gutachten.

Es gibt ein Video, das nach der öffentlichen Präsentation der neuen Ergebnisse aufgenommen wurde. Darauf ist Bittmann zu sehen, der sich die Pressekonferenz der Jalloh-Initiative angesehen hat. Umringt von Journalisten, spricht er von "überraschenden, zum Teil erschreckenden Informationen", denen er nachgehen werde. Und Folker Bittmann hält sein Versprechen: 2016 findet eine von der Staatsanwaltschaft Dessau in Auftrag gegebene aufwendige Brandsimulation statt. Journalisten und Interessierte dürfen zuschauen, wie eine mit Schweinehaut überzogene Puppe auf einer feuerfesten Matratze angezündet wird.