Diese Simulation bewegt Bittmann zum Umdenken. Er trifft sich, so ist es internen Unterlagen zu entnehmen, im Februar 2017 in Würzburg mit Sachverständigen: Gerichtsmedizinern, Chemikern, Toxikologen und Brandexperten. Kurt Zollinger vom Forensischen Institut Zürich ist dabei, er hatte die Brandsimulation geleitet. Fragt man ihn danach, sagt er: "Ich habe vor dem Brandversuch eher zur Annahme geneigt, dass Jalloh die Matratze entzündet haben muss. Hinterher neigte ich eher dazu, dass ein Entzünden des Feuers durch Dritte naheliegender ist." Aber sicher beweisen, fügt Zollinger hinzu, lasse sich das aus seiner Sicht nicht mehr. Gerold Kauert, forensischer Toxikologe, ist eindeutiger. "Ich habe die Theorie der Selbstverbrennung immer schon angezweifelt", sagt er. "Aber seit dem Treffen von Würzburg ist ersichtlich, dass die Selbstverbrennungstheorie nicht zu halten ist." Der Grund: In Jallohs Bronchien seien nur überaus winzige Rußspuren nachweisbar gewesen. Das bedeutet, Jalloh hat nach Ausbruch des Feuers nur noch wenige Male geatmet. Zudem gehe aus dem festgestellten Adrenalinspiegel im Urin hervor, dass er keinen Todesstress hatte. Hat Jalloh den Ausbruch des Feuers nicht bemerkt? War er bewusstlos oder schon tot?

Der Toxikologe sagt: "Jalloh war stark alkoholisiert und hatte Drogen konsumiert, nach meinem Dafürhalten kann er nicht die Leistungsfähigkeit gehabt haben, zu überlegen, wie er eine feuerfeste Matratze in Brand setzt." Zudem seien Leiche und Matratze so verbrannt gewesen, dass der Einsatz von Brandbeschleuniger sehr wahrscheinlich sei.

Behördenleiter Folker Bittmann schreibt nach dem Würzburger Treffen jenen Vermerk, der Ende 2017 bekannt wird. Darin heißt es: "Es ist erstaunlich, welche neuen (Zwischen-)Ergebnisse die Ermittlungen, das Zusammenführen der Erkenntnisse von Brandsachverständigen, eines Chemikers und zweier Mediziner, in den letzten Monaten noch zeitigten." Das aufgetauchte Feuerzeug könne "nur theoretisch" zum Auslösen des Brandes benutzt worden sein. Aus einer Vielzahl von Gründen formuliert Bittmann schließlich den "Anfangsverdacht eines Mordes (...) bzw. versuchten Mordes" – und zwar seitens der Polizeibeamten. Er nennt auch Namen, sie sind im vorliegenden Dokument geschwärzt. Die Frage nach dem Motiv sei zwar offen, aber auch dafür hat Bittmann eine Theorie, die aus dem Fall Jalloh einen noch weitaus größeren Skandal machen könnte: In Jallohs Zelle starb nämlich, zwei Jahre zuvor, schon einmal ein Mensch – der Obdachlose Mario Bichtemann erlag einem nicht rechtzeitig erkannten Schädelbruch, dessen Ursache nie ermittelt wurde. Der Dienstgruppenleiter, der im Fall Jalloh angeklagt war, war auch in diesem Fall zuständig. Ein weiterer Mann, den die Dessauer Polizei 1997 aufgegriffen hatte, weil er betrunken Auto fuhr, wurde kurz nach seiner Entlassung leblos auf der Straße gefunden; er starb an schwersten inneren Verletzungen. Bittmann glaubt daher: "Bei einer Zellenkontrolle am 7.1.2005 könnten Polizeibeamte auf die Ohnmacht Oury Jallohs aufmerksam und sich daraufhin bewusst geworden sein, dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden." Über den Grund für Jallohs mögliche Bewusstlosigkeit – Drogen, Gewalteinwirkung – könne man nur spekulieren. Fakt ist aber, dass ein Gerichtsmediziner bei Jallohs Leiche einen Nasenbeinbruch feststellte.

Hält Bittmann es also für möglich, dass Dessauer Beamte für drei Tote verantwortlich und sogar fähig sein könnten, das letzte Opfer zur Vertuschung anzuzünden? Bittmann will das Verfahren an den Generalbundesanwalt übergeben. Der lehnt ab. Stattdessen entzieht der Generalstaatsanwalt in Naumburg Bittmann nun die Zuständigkeit für den Fall Jalloh – und überträgt sie an die Staatsanwaltschaft Halle. Mit der internen Begründung: Nehme man den Vermerk ernst, könne nicht von Dessauer Staatsanwälten gegen Dessauer Polizisten ermittelt werden.

Bei der Staatsanwaltschaft Halle jedenfalls liest man die jüngsten Gutachten nun ganz anders: Es fänden sich "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung", teilt sie im Oktober 2017 mit, eine weitere Aufklärung sei "nicht zu erwarten". Das Verfahren wird eingestellt. Eine Beschwerde dagegen prüft wiederum der Generalstaatsanwalt in Naumburg. Das kann Monate dauern.

Für Henriette Quade, eine Linken-Abgeordnete im Landtag, hat all das schon wieder den Ruch der Unsauberkeit. Quade ist seit 2005 mit Jallohs Tod befasst, sie ist Bittmann dankbar: "Es gehört zumindest Mut dazu, eine Ermittlungsthese zu verwerfen, an die man jahrelang geglaubt hat." Umso skandalöser erscheint es ihr, dass Bittmann jetzt nicht mehr für den Fall zuständig ist.

Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding beteuert, weder den Wechsel der Zuständigkeit noch die Einstellung des Verfahrens beeinflusst zu haben. Sie bittet den Generalstaatsanwalt, jetzt beschleunigt zu prüfen. Den Landtagsabgeordneten reicht das nicht. Parteiübergreifend haben sie dafür gesorgt, dass dem Rechtsausschuss des Landtags alle Ermittlungsunterlagen zum Fall Jalloh zugestellt werden. Neun Kisten lagern nun in der Geheimschutzstelle des Parlaments. Der Inhalt ist streng vertraulich, nur ausgewählte Abgeordnete dürfen ihn sehen. Die müssen sich anmelden, erst in der Geheimschutzstelle bekommen sie die Dokumente. Das Fotografieren ist untersagt.