Kenne den Mann nicht, will ihn auch nicht kennen. Alter 54, Standort: vor einer Schule. Der Mann steht vor der Schule, es ist die Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Niemand möchte an diesem Tag vor dieser Schule stehen, geschweige denn drinnen sein. Es ist der 14. Februar.

Der Mann heißt Deputy Scot Peterson und steht vor der Schule, weil er es muss. Er muss reingehen, einen Mann suchen. Er und der andere Mann tragen Waffen. Der Mann in der Schule schießt auf Kinder, der Mann vor der Schule muss rein und den Mann erschießen, der die Kinder erschießt. Die Order, wird es heißen, lautete: Killer ansprechen, Killer killen.

Shoot down. High Noon auf dem Schulhof. Oder drinnen. Wurde 1.000-mal geübt. Nur tut Deputy Scot Peterson nicht, was er gelernt hat zu tun. Jede Schule, jeder Cop in Amerika hat diesen Ernstfall geübt, es ist ja fast Normalfall geworden, dass in einer Schule geschossen wird und dann die Polizei kommt und Schluss macht. Deputy Peterson ist ein Mann, der jetzt für alle amerikanischen Polizisten hier steht. Ein Mann für alle. Er steht hier auch für 270 Millionen zivile Amerikaner, die den Schrank voller Waffen haben, weil sie gerne tun würden, was er gerade nicht schafft, einen Angreifer stellen, killen. Deshalb höchste Waffenausstattung der Welt in Amerika, nach dem Jemen, und das ohne Krieg, anders als im Jemen. Weil alle so heiß darauf sind, draufzuhalten, und dann wumm!. Ein Mann sein. Oder eine toughe Lady, mit einem .380-Kaliber für die Handtasche, 900.000 verkaufte Stück seit 2014, Absatzplus 30 Prozent, boomende Aktie Smith & Wesson. Keiner von denen ist jetzt natürlich da. Auch keiner von den fünf Millionen, die beim Autoverleih Rabatt kriegen, weil sie in der NRA sind, bei den Waffennarren. Nur Deputy Peterson ist hier, und der geht nicht rein. Vier Minuten lang nicht.

Vier lange Minuten. Spielt er durch, wie es jetzt laufen müsste? Rein, Waffe im Anschlag, peng!, ducken und peng!, peng!, und wenn es gut läuft, ist der andere tot? Im Endlosloop, der klassische Plot? Seit John Wayne. Oder Clint Eastwood. Schwarzenegger. Die Welt geht unter, und jemand muss sie retten. Das ist die Stunde des Helden. Jedes Playstation-Kind hat das 1.000-mal geübt, Feind orten, peng!. Höchstpunktzahl. Szenario Flughafen, Angriff der Aliens, Girlies kreischen help!, help!, help!. Daumen auf shoot. Oder: Angriff im Parkhaus. Kugeln reißen Löcher in Betonwände, Menschen fliegen vor Feuersalven durch die Luft. Ducken, rennen, peng!. Mehr Punkte für Speed. Punktabzug fürs Nachdenken.

Denkt Peterson: Warum jetzt ausgerechnet ich?

Oder denkt er: Jetzt. Gehe. Ich. Da. Rein.

Stellt er sich vor, was da drinnen passiert? Stellt er sich vor, wie Kinderköpfe getroffen werden, hat er die Berichte über die letzten Massaker gelesen, in Columbine, in Orlando, an der Sandy Hook School – wie ein Kind, in den Rücken getroffen, in seinem Blut über den Boden kriecht?

Vielleicht hat er Order gehabt, so etwas nicht zu lesen? Haben womöglich geübt, die Cops, sich so was genau nicht vorzustellen. Haben vielleicht gelernt, im Ernstfall Bilder und Emotionen zu unterdrücken, nur rein und draufhalten. Tut der Typ aber nicht. Warum? Weil er sich vorstellt, wie schlimm es ist? Oder weil ihm dafür jetzt die Vorstellung fehlt?

Würde er gerne gehen, aber seine Beine wollen nicht? Füße, die stehen bleiben. Will er ein Held sein, aber jede Zelle von ihm schreit "Nein!"?

Hört er womöglich die Schüsse gar nicht, weil sein Herz so laut wummert? Aus Angst, kein Mann zu sein?

Denkt er an seinen Vater? Wünscht er sich, er wäre bei Mama? Ob die auch Waffen hat? Würde sich eine Mama, die Waffen hätte, für ihn schämen? Erschießen? Wegen Feigheit? Weil er eine Memme ist?

Nach vier Minuten geht Deputy Peterson los. Der Killer flieht. In der Schule liegen 17 Tote.

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