Immer wenn Paolo Gentiloni im Fernsehen auftritt, fürchten die Sender um ihre Einschaltquote. Er sei so langweilig, erzählt man sich, dass die Leute umgehend zur Fernbedienung griffen. Der Mann habe die Wirkung einer Schlaftablette. Die Römer allerdings nennen den italienischen Premierminister liebevoll er moviola – die Zeitlupe. In Novantesimo Minuto, der beliebtesten Fußballsendung Italiens, werden Sonntag für Sonntag Fußballspiele in der berühmten moviola analysiert. Millisekunde für Millisekunde können die Zuschauer die Aktionen auf dem Spielfeld nachvollziehen. Das ist besonders bei Toren interessant, deren Entstehung man sich auf den ersten Blick nicht recht erklären kann. Und es passt zu Paolo Gentiloni.

Auch bei ihm fragt man sich, wie er es wohl geschafft haben mag, zum derzeit populärsten Politiker Italiens aufzusteigen. In Beliebtheitsumfragen liegt er vor Silvio Berlusconi, der gerade ein spektakuläres Comeback erlebt, vor dem smarten 31-jährigen Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung, vor dem rabiaten Matteo Salvini der Lega Nord und vor dem eitlen Matteo Renzi, Gentilonis Parteichef. Beide vertreten die Demokratische Partei (PD), in Deutschland am ehesten mit der SPD vergleichbar.

Am kommenden Sonntag wird in Italien ein neues Parlament gewählt, laut und wild wirbeln Berlusconi, Salvini, Di Maio durchs Land. Doch ausgerechnet der Unauffälligste von allen kommt am besten an. Kein anderer Politiker ist derzeit bei den Italienern beliebter als Paolo Gentiloni, die Zeitlupe. Und trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass der 63-Jährige sein Amt behalten wird.

Wie kann das sein? Warum ist ein Leisetreter wie Gentiloni in einem lauten Land wie Italien so beliebt – und dennoch anscheinend aussichtslos?

Paolo Gentiloni verfügt über eine Gabe, die für italienische Politiker lange Zeit unabdingbar war. Er vermag es, Beziehungen nach allen Seiten zu knüpfen, Vertrauen zu erwecken und dabei niemanden, wirklich niemanden vor den Kopf zu stoßen. Selbst Menschen, die ihn schon sehr lange kennen, erinnern sich nicht daran, dass er sich jemals mit jemandem gestritten hätte. Gentiloni pöbelt nicht, er wütet nicht, und er hackt auch keine bösen Tweets ins Smartphone.

Eine Anekdote aus seinen Jugendjahren illustriert seinen schon früh ausgeprägten Wunsch, niemanden zu beunruhigen, selbst wenn man Beunruhigendes tut. Im Alter von 16 Jahren hatte sich Gentiloni dem Willen seiner Eltern widersetzt und war ausgerissen. Er wollte von Rom nach Mailand fahren, um an einer linken Demonstration teilzunehmen. Die Eltern verboten es ihm. Der junge Paolo fuhr trotzdem, heimlich, vorher informierte er aber seinen Religionslehrer. Dieser möge doch den Eltern sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssten, nach der Demonstration komme er wieder zurück.

Sich durchsetzen, ohne anzuecken, fortgehen, ohne Brücken einzureißen, vorangehen, aber immer bereit sein zurückzukehren. Gentiloni entstammt einem alten römischen Adelsgeschlecht, das eine Reihe von Anwälten hervorgebracht hat, die für den Vatikan arbeiteten. Keine andere Institution in Rom ist so gut vernetzt, so gewandt im Umgang mit der Macht und gleichzeitig so geräuschlos wie der Vatikan. Diese Erfahrung und das familiäre Milieu haben Gentiloni geprägt.

Denn in gewisser Weise ist er, der Umsichtige, der Kompromissorientierte, ein italienischer Politiker klassischen Typs. Schließlich konnte man lange Zeit nur mit diesen Fähigkeiten ein Land regieren, das gleichzeitig die mächtigste kommunistische Partei Westeuropas und den Vatikan beherbergt. Ein Land, das ohne größere Brüche vom Faschismus in die parlamentarische Demokratie hinübergeglitten war und das bis heute von einem Graben zwischen Nord und Süd gekennzeichnet ist.