Stundenlang mit dem geliebten Menschen in Wartezimmern sitzen, mit mulmigem Gefühl auf die Untersuchungsergebnisse warten, Tränen trocknen, trösten, ermutigen, Wutausbrüche und Rückzug des Kranken ertragen, für ihn kochen, einkaufen, im Internet recherchieren, mit der Krankenkasse telefonieren: Angehörige von Krebspatienten machen eine Menge durch. Die Diagnose stürzt nicht nur Patienten ins Gefühlschaos. Auch Familie und enge Freunde geraten in einen Strudel aus widersprüchlichen Emotionen und sind extrem gefordert, oft sogar überfordert.

Wie die Ungewissheit ertragen, die Angst aushalten, den Partner, die Mutter, die langjährige Freundin zu verlieren? Was tun, um dem Leidenden zu helfen? Wie den Kindern, dem Freundeskreis, den Kollegen erklären, was los ist? Und wohin mit den eigenen Bedürfnissen? Für die ist in der akuten Phase zunächst wenig Raum.

Häufig geht es den Angehörigen seelisch noch schlechter als den Kranken selbst. Denn sie übernehmen unwillkürlich die Rolle des Starken, wollen ein Fels in der Brandung sein und erlauben sich keine Schwäche. Bis zu 30 Prozent der Angehörigen von Krebspatienten entwickeln im Laufe der Zeit ein behandlungsbedürftiges psychisches Leiden. Sie haben ebenso oft wie die Kranken mit depressiven Verstimmungen und sogar noch häufiger mit Angststörungen zu kämpfen.

"Angehörige müssen ertragen, dass es dem Patienten während der Therapie schlecht geht. Sie wollen ganz viel helfen und sind gleichzeitig mit ihrer Ohnmacht konfrontiert. In manchen Situationen können sie nichts tun, außer Geduld zu haben, das ist nicht leicht zu akzeptieren", sagt Maike de Wit, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln. "Es gibt Ehepartner, die sich nach der Diagnose verdrücken, nie mehr in der Klinik auftauchen und die Patienten alles alleine machen lassen." Andere begleiten den kleinen Sohn oder den gebrechlichen Vater zu jeder Untersuchung, übernehmen die Gesprächsführung, kümmern sich zu Hause um alles, lassen sich selbst krankschreiben, um all dessen Herr zu werden, und geben ihr eigenes Leben auf, bis sie nicht mehr können.

Weder das eine noch das andere sei hilfreich, sagt Maike de Wit. Wie so oft im Leben geht es darum, einen Mittelweg zu finden. Das Wichtigste für Angehörige und Freunde eines Kranken sei, dass sie nicht glaubten, "ich muss alles alleine schaffen und immer stark sein". Diese Vorstellung sei eine Falle. Schnell entstehen dann Schuld- und Ohnmachtsgefühle bei den Angehörigen. Besonders wenn der Patient sich zurückzieht und nicht mehr reden will. Das ist nicht leicht zu verkraften. Manchmal muss man sich von dem Gedanken verabschieden, alles gemeinsam mit dem Kranken verarbeiten zu können. Dann entlastet es, mit anderen zu sprechen – mit Freunden oder auch mal mit einem Therapeuten.

Am besten geht es Angehörigen, wenn sie sich kümmern, ohne sich selbst zu sehr zu vernachlässigen. Wenn sie also weiter zum Sport oder zu ihrer Doppelkopf-Runde gehen und Hilfe annehmen – auch von Profis. "Die Partner, Kinder oder Eltern der Patienten wissen oft nicht, dass die psychoonkologischen Angebote in den Kliniken auch für sie gedacht sind und nicht nur für die Kranken", sagt Ärztin de Wit. Vielen Psychologen und Medizinern ist inzwischen bewusst, dass die Partner, die Kinder oder die alten Eltern des Kranken oft seelische Höchstleistungen vollbringen. Und dass sie damit häufig allein sind, weil kaum jemand sie richtig wahrnimmt und fragt, wie es eigentlich ihnen geht. Paradoxerweise kommen mitunter gerade dann keine Hilfsangebote von Bekannten und Freunden, wenn sie dringend gebraucht werden. Womöglich aus Verlegenheit, Unsicherheit oder Scheu, den Betroffenen zu nahe zu treten.

Da machen sich plötzlich die Freunde eines Mannes rar, wenn seine Frau an Krebs erkrankt. Da kommt keiner der Kumpels auf die Idee, mal mit ihm ein Bier trinken zu gehen oder ihn zum Kino abzuholen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Dabei braucht es doch nur ab und zu einen Freund oder Kollegen, der mit der Sporttasche vor der Tür steht.

Um die Kranken kümmert sich eine Schar von Ärzten und Pflegern, auch Freunde und Verwandte sorgen sich um sie und fragen regelmäßig nach. Doch die nächsten Angehörigen stehen mitunter hilflos außen vor. Oft sind es Kleinigkeiten, die für sie einen großen Unterschied machen. Ein Abstecher ins Fitnessstudio, eine Einladung ins Konzert, ein Spaziergang um den Block. Alles, was die Normalität zurückbringt, gibt nicht nur den Patienten, sondern auch ihren Angehörigen Kraft.

Sich mit anderen zu verbinden tut dann gut. Etwa in einer Selbsthilfegruppe: An der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf treffen sich seit Jahren Krebskranke, Angehörige anderer Krebskranker und sogar Witwen und Witwer ehemaliger Patienten alle zwei Wochen zu einer Gesprächsrunde. Der Psychoonkologe Frank Schulz-Kindermann leitet und moderiert diesen Kreis. Er sagt: "Krebs stellt alle Beziehungen rundherum infrage. Auch neue Kontakte und Netzwerke können dann enorm stützen."