Die deutschsprachige Philosophie ist in einem desolaten Zustand. Woran liegt das?

Wer mit deutschen Philosophieprofessor(inn)en über den gegenwärtigen Zustand ihrer Disziplin spricht, blickt in traurige Augen. Ratlosigkeit paart sich mit Scham, Frustration über "den Betrieb" mit einem hierzulande wohl schon immer zunfttypischen Kulturpessimismus. Unbestreitbar ist: Die letzten Anfänge liegen mindestens 50 Jahre zurück. Und weit und breit niemand in Sicht, der es an Status, Denkkraft und globaler Präsenz mit den heute greisen Granden dieser Ära aufzunehmen wüsste. (Jürgen Habermas: 88 Jahre; Dieter Henrich: 91 Jahre; Robert Spaemann: 90 Jahre; Kurt Flasch: 87 Jahre – selbst das ewige Enfant terrible Peter Sloterdijk hat die 70 mittlerweile überschritten.)

Von einer internationalen oder auch nur interdisziplinären Strahlkraft deutschsprachiger Philosophie kann derzeit keine Rede sein.

Wie konnte es im Lande von Leibniz und Kant, Hegel und Schopenhauer, Nietzsche und Arendt nur dazu kommen? Vor allem in einer Zeit, da das öffentliche Interesse an philosophischer Reflexion geradezu explodiert und sich als Folge ein ganzes Gattungsbündel vermittelnder Formate erfolgreich am freien Markt etabliert. Philosophische Monatsmagazine wie Hohe Luft oder das Philosophie Magazin, dessen Chefredakteur ich war, erreichen eine Auflage von 60.000 Exemplaren; Festivals wie die phil.cologne locken binnen einer Woche mehr als 10 000 Menschen. Die Sachbuch-Bestsellerlisten zeigen sich seit Jahren populärphilosophisch dominiert.

Auch mag man unserer Gegenwart vieles vorwerfen, jedoch nicht, dass sie nicht zu großen und ernsten Fragen Anlass gäbe: Die Digitalisierung revolutioniert den Diskursraum, die Gentechnik greift in die Grundlagen der Schöpfung ein, die künstliche Intelligenz tief in unser Selbstbild, der Klimawandel fordert globales Umdenken, Ökonomie wie Physik befinden sich in einer schweren Grundlagenkrise, während das Wissen um die Weite und den Reichtum des Universums in einer Weise explodiert, die unsere Stellung im Kosmos abermals fraglich werden lässt. Die Welt ist in Bewegung, die kantische Urfrage "Was ist der Mensch?" virulenter denn je. Die akademische Philosophie hingegen stagniert in zunehmend irrelevanter Selbstbespiegelung eigener Traditionsverhältnisse. Warum?

Stumpfe Exzellenz

Die Konstellation ist vertrackt. Niemals in der Geschichte gab es eine solche Vielzahl an akademisch bestens ausgebildeten Philosophen wie im Jahre 2018. Sofern Quantität also ab einem gewissen Punkt notwendig in Qualität umschlägt, sollte der nächste große Systemdurchbruch nur mehr eine Frage von Wochen sein. Zumal das Kenntnis- und Differenzierungsniveau gerade der jüngeren, noch um ihre akademische Karriere kämpfenden Garden auf den ersten Blick geradezu atemberaubend anmutet.

Vermutlich hätte kein einziger der einst bahnbrechenden Artikel im Bereich der Ethik aus den sechziger und siebziger Jahren – etwa von Denkerinnen wie Philippa Foot oder Bernard Williams – heute auch nur noch die geringste Chance, von einem der führenden Journale angenommen zu werden. Genauso wenig, wie Günter Netzer oder Wolfgang Overath heute eine Stammplatzchance bei Hannover 96 hätten – oder Jimmy Connors die zweite Runde bei einem Grand-Slam-Turnier überstünde.

Die universitären Denkathleten sind alle bestens trainiert, extrem karriereorientiert und können philosophisch genau das, was der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl unlängst in einer kontroversen Stellungnahme der neuen Generation von Fußballprofis und Bundesligatrainern vorwarf, nämlich, wenn nötig auch im Schlaf, "18 Systeme rückwärts furzen".

Nur, und auch hier trägt die Analogie zum Sport vollkommen, ansehen beziehungsweise lesen will das gerade in der Philosophie kaum noch jemand. Weil dort "auf dem Platz" einfach nichts geschieht, was irgendeinen wachen Geist wahrhaft interessieren, geschweige denn faszinieren oder gar produktiv desorientieren würde. Tritt man einen Deutungsschritt zurück, ist das derzeit in der Zunft vorherrschende Niveau an Binnendeutungsartistik vor allem eines: ein Zeichen hoffnungslos ausgelaugter Forschungsprogramme und -fragen.

Durchschnittliche Zahl der Leser pro veröffentlichtem Philosophieartikel: zwei bis drei

Ein im Ausland unterrichtender Professor, der über viele Jahre eines der weltweit wichtigsten Journale der analytischen Philosophie leitete, taxierte die durchschnittliche Leserzahl der dort veröffentlichten Artikel mir gegenüber ohne jede Ironie auf zwei bis drei Personen. Die philosophische Qualifikationspublikation hat sich damit von allem entfremdet, was lebendiges und realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte.

Was dort – und zwar mittlerweile fast ausschließlich auf Englisch – abgehandelt wird, interessiert buchstäblich keinen Menschen. Nicht außerhalb der Zunft, nicht innerhalb. Ja, es interessiert nicht einmal die Verfasser(innen) selbst, die in den potenziell kreativsten Phasen ihrer Denkbiografie gehalten bleiben, meist ohne jede relevante außerakademische Berufserfahrung zu vorgestanzten Fragen in vorgestanzter Sprache in das absolute Nichts hineinzuproduzieren. Im seltenen Gelingensfall mit der Perspektive, mit Anfang 40 irgendeinen W2-Ruf zu erhalten und fortan für ein Salär zu lehren und zu "forschen", das sich nur geringfügig von der Besoldung eines gleichaltrigen Oberstudienrates abhebt.

Fürwahr, die Wissenschaft ist eine grausame Geliebte! Wer fände angesichts solcher Aussichten noch die Energie, sich zu fragen, ob es sich bei der Philosophie überhaupt um eine Wissenschaft handelt oder handeln sollte?

Der Druck des Rankings

Es ist gerade das normative Vorbild angestrebter Wissenschaftlichkeit, das in Gestalt der in den Naturwissenschaften gewaltsam regierenden Evaluationsmethoden die Wüste unseres Denkens jeden Tag ein Stückchen weiter wachsen lässt. Mit den jährlich mehreren Dutzend Fachartikeln eines gemeinen Karriereökonomen oder -biologen nämlich vermag selbst der flinkeste philosophische Finger nicht mitzuhalten. Die globale Ranking-Logik geht derzeit über die Disziplin hinweg wie das Fangnetz eines Fischtrawlers über das Korallenriff. Mittlerweile werden an gewissen Universitäten – im Gegensatz zu Fachartikeln – eigenständige philosophische Monografien nicht einmal mehr als relevante Forschungsleistung anerkannt. Sie fließen nicht in die Evaluation ein.

Da Widerstand gegen diesen Ranking-Terror zwecklos wirkt, ergibt sich die Zunft den institutionellen Scheinnotwendigkeiten und begeht dabei Selbstmord aus Angst vor dem Tod. The show must go on! Und mit welchem Ziel? Um, quasiindustriell, einen weiteren Jahrgang bestens benoteter und perfekt frustrierter Jungforscher stumpf durch das System zu jagen. Derweil mangelt es der deutschsprachigen Philosophie an so gut wie allem: nur nicht an staatlichen Fördermitteln.

Zur Erinnerung: Ludwig Wittgenstein – Autor des Tractatus logico-philosophicus – hat im Rahmen seines Denkweges einen einzigen Fachartikel veröffentlicht. An dem Tag, als er ihn anlässlich einer Tagung auch noch öffentlich vorlesen wollte, erschien ihm dies derart unwürdig, dass er spontan das Thema wechselte und stattdessen frei über das Problem der Unendlichkeit assoziierte. Es sollte seine einzige Teilnahme an einer derartigen Veranstaltung bleiben.

Vom Konsens zum Konformismus

Der zunftprägende Wille zum verstohlenen Konformismus mag nicht zuletzt selbst philosophische Gründe haben. Denn wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt ereignishafte Aufbrüche, um Konsens anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersona innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten.

Eine besondere Verstellung ist es in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet die letzten Vertreter der Frankfurter Schule sowie des Poststrukturalismus (im Gefolge von Foucault und Derrida) ihren Platz an der Förderungssonne dauerhaft sichern, indem sie sich jederzeit als besonders "systemkritisch" gebärden und zudem als bedrohte Minderheit stilisieren. Faktisch hegemonial geworden, sind es gerade diese beiden Traditionsausläufer-Netzwerke, die mit einem geradezu priesterlichen Reinlichkeitssinn darauf achten, den weiten Raum des Denkens nicht durch grundlegend andere Prägungen in neue Unordnung gebracht zu sehen.

Ein Drittel Bürokratie, ein Drittel Lehre, ein Drittel Drittmittelakquirierung

Ohne Zauber

Was den genannten Strömungen im Vergleich zur tief in sich eingesponnenen analytischen Philosophie zugutezuhalten ist: Wenigstens stehen sie in marginalem Dialogkontakt zu anderen Fächern der Universitas. Da lässt sich interdisziplinär immer noch was "Spannendes" zusammenzaubern und damit als Exzellenzcluster beantragen.

Bei dem Gedanken jedenfalls, dass Wahrheit eine Frage des Konsenses, Sprache vorrangig ein Mittel zur Kommunikation und Ethik eine Frage des Diskurses ist, hätte Walter Benjamin nur verzweifelt den Kopf geschüttelt. Wie übrigens auch Martin Heidegger, bereits genannter Ludwig Wittgenstein oder selbst Ernst Cassirer, als die letzten vier großen Gestalten, die im deutschsprachigen Raum noch wahrhaft Akzente zu setzen wussten. Damals erhielten binnen eines wilden Jahrzehnts, von 1919 bis 1929, sämtliche heute relevanten Denktraditionen – logische Sprachanalyse, Existenzialismus, Hermeneutik, Dekonstruktion, Kritische Theorie, semiotische Kulturwissenschaft – ihre entscheidenden Taufimpulse. Seitdem, also seit gut hundert Jahren, sprechen wir es offen aus, wird hierzulande das philosophische Denken akademisch verwaltet, vorbildlich ausdifferenziert und nicht selten auch strategisch sediert.

Die wenigen Lebendigen, die der Anspruch treibt, mit eigener philosophischer Stimme zu sprechen, flüchten seit Jahrzehnten an die Kunsthochschulen, um von den Rändern der Institutionen aus den einen oder anderen Juckreiz zu setzen. Keine aussichtslose Taktik. Doch selbst hier hört man immer öfter von Fällen, in denen die Betroffenen freiwillig den Rückzug aus dem Denkbeamtentum antreten. Wer will es ihnen verdenken: ein Drittel Bürokratie, ein Drittel Lehre, ein Drittel Drittmittelakquirierungs-Denksport.

Der Spiegel der Disziplin

Damit es klar ist: Es geht hier nicht primär um eine neoromantische Sehnsucht nach neuen Überdenker(inne)n oder bis dato ungekannten Argumentintensitäten und schon gar nicht um Häme, sondern um mögliche Auswege aus dem vorherrschenden Zustand der lustlosen Totalstagnation. Und natürlich ist solch ein Frontalangriff auf "die Zunft" und "das akademische Philosophieren" ungerecht und bis an die Grenze des Verantwortbaren undifferenziert. Aber das ändert nichts an der einen Wahrheit, über die sich, soweit ich sehe, alle Akteure im Feld einig sind: Die deutschsprachige Philosophie erlebt derzeit ihren geschichtlich schwächsten Moment. Ihre universitären Protagonisten fristen ob dieser Gewissheit mehrheitlich ein Leben in stiller Verzweiflung.

Und doch ist der erwachsene Mut, diesen durch und durch enttäuschenden Anblick auszuhalten und gleichzeitig als Imperativ zu verstehen, alles, wessen es je bedurfte, um das Denken einmal mehr auf einen neuen Weg zu führen. Es wird Zeit.