Ein im Ausland unterrichtender Professor, der über viele Jahre eines der weltweit wichtigsten Journale der analytischen Philosophie leitete, taxierte die durchschnittliche Leserzahl der dort veröffentlichten Artikel mir gegenüber ohne jede Ironie auf zwei bis drei Personen. Die philosophische Qualifikationspublikation hat sich damit von allem entfremdet, was lebendiges und realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte.

Was dort – und zwar mittlerweile fast ausschließlich auf Englisch – abgehandelt wird, interessiert buchstäblich keinen Menschen. Nicht außerhalb der Zunft, nicht innerhalb. Ja, es interessiert nicht einmal die Verfasser(innen) selbst, die in den potenziell kreativsten Phasen ihrer Denkbiografie gehalten bleiben, meist ohne jede relevante außerakademische Berufserfahrung zu vorgestanzten Fragen in vorgestanzter Sprache in das absolute Nichts hineinzuproduzieren. Im seltenen Gelingensfall mit der Perspektive, mit Anfang 40 irgendeinen W2-Ruf zu erhalten und fortan für ein Salär zu lehren und zu "forschen", das sich nur geringfügig von der Besoldung eines gleichaltrigen Oberstudienrates abhebt.

Fürwahr, die Wissenschaft ist eine grausame Geliebte! Wer fände angesichts solcher Aussichten noch die Energie, sich zu fragen, ob es sich bei der Philosophie überhaupt um eine Wissenschaft handelt oder handeln sollte?

Der Druck des Rankings

Es ist gerade das normative Vorbild angestrebter Wissenschaftlichkeit, das in Gestalt der in den Naturwissenschaften gewaltsam regierenden Evaluationsmethoden die Wüste unseres Denkens jeden Tag ein Stückchen weiter wachsen lässt. Mit den jährlich mehreren Dutzend Fachartikeln eines gemeinen Karriereökonomen oder -biologen nämlich vermag selbst der flinkeste philosophische Finger nicht mitzuhalten. Die globale Ranking-Logik geht derzeit über die Disziplin hinweg wie das Fangnetz eines Fischtrawlers über das Korallenriff. Mittlerweile werden an gewissen Universitäten – im Gegensatz zu Fachartikeln – eigenständige philosophische Monografien nicht einmal mehr als relevante Forschungsleistung anerkannt. Sie fließen nicht in die Evaluation ein.

Da Widerstand gegen diesen Ranking-Terror zwecklos wirkt, ergibt sich die Zunft den institutionellen Scheinnotwendigkeiten und begeht dabei Selbstmord aus Angst vor dem Tod. The show must go on! Und mit welchem Ziel? Um, quasiindustriell, einen weiteren Jahrgang bestens benoteter und perfekt frustrierter Jungforscher stumpf durch das System zu jagen. Derweil mangelt es der deutschsprachigen Philosophie an so gut wie allem: nur nicht an staatlichen Fördermitteln.

Zur Erinnerung: Ludwig Wittgenstein – Autor des Tractatus logico-philosophicus – hat im Rahmen seines Denkweges einen einzigen Fachartikel veröffentlicht. An dem Tag, als er ihn anlässlich einer Tagung auch noch öffentlich vorlesen wollte, erschien ihm dies derart unwürdig, dass er spontan das Thema wechselte und stattdessen frei über das Problem der Unendlichkeit assoziierte. Es sollte seine einzige Teilnahme an einer derartigen Veranstaltung bleiben.

Vom Konsens zum Konformismus

Der zunftprägende Wille zum verstohlenen Konformismus mag nicht zuletzt selbst philosophische Gründe haben. Denn wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt ereignishafte Aufbrüche, um Konsens anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersona innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten.

Eine besondere Verstellung ist es in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet die letzten Vertreter der Frankfurter Schule sowie des Poststrukturalismus (im Gefolge von Foucault und Derrida) ihren Platz an der Förderungssonne dauerhaft sichern, indem sie sich jederzeit als besonders "systemkritisch" gebärden und zudem als bedrohte Minderheit stilisieren. Faktisch hegemonial geworden, sind es gerade diese beiden Traditionsausläufer-Netzwerke, die mit einem geradezu priesterlichen Reinlichkeitssinn darauf achten, den weiten Raum des Denkens nicht durch grundlegend andere Prägungen in neue Unordnung gebracht zu sehen.