Ohne Zauber

Was den genannten Strömungen im Vergleich zur tief in sich eingesponnenen analytischen Philosophie zugutezuhalten ist: Wenigstens stehen sie in marginalem Dialogkontakt zu anderen Fächern der Universitas. Da lässt sich interdisziplinär immer noch was "Spannendes" zusammenzaubern und damit als Exzellenzcluster beantragen.

Bei dem Gedanken jedenfalls, dass Wahrheit eine Frage des Konsenses, Sprache vorrangig ein Mittel zur Kommunikation und Ethik eine Frage des Diskurses ist, hätte Walter Benjamin nur verzweifelt den Kopf geschüttelt. Wie übrigens auch Martin Heidegger, bereits genannter Ludwig Wittgenstein oder selbst Ernst Cassirer, als die letzten vier großen Gestalten, die im deutschsprachigen Raum noch wahrhaft Akzente zu setzen wussten. Damals erhielten binnen eines wilden Jahrzehnts, von 1919 bis 1929, sämtliche heute relevanten Denktraditionen – logische Sprachanalyse, Existenzialismus, Hermeneutik, Dekonstruktion, Kritische Theorie, semiotische Kulturwissenschaft – ihre entscheidenden Taufimpulse. Seitdem, also seit gut hundert Jahren, sprechen wir es offen aus, wird hierzulande das philosophische Denken akademisch verwaltet, vorbildlich ausdifferenziert und nicht selten auch strategisch sediert.

Die wenigen Lebendigen, die der Anspruch treibt, mit eigener philosophischer Stimme zu sprechen, flüchten seit Jahrzehnten an die Kunsthochschulen, um von den Rändern der Institutionen aus den einen oder anderen Juckreiz zu setzen. Keine aussichtslose Taktik. Doch selbst hier hört man immer öfter von Fällen, in denen die Betroffenen freiwillig den Rückzug aus dem Denkbeamtentum antreten. Wer will es ihnen verdenken: ein Drittel Bürokratie, ein Drittel Lehre, ein Drittel Drittmittelakquirierungs-Denksport.

Der Spiegel der Disziplin

Damit es klar ist: Es geht hier nicht primär um eine neoromantische Sehnsucht nach neuen Überdenker(inne)n oder bis dato ungekannten Argumentintensitäten und schon gar nicht um Häme, sondern um mögliche Auswege aus dem vorherrschenden Zustand der lustlosen Totalstagnation. Und natürlich ist solch ein Frontalangriff auf "die Zunft" und "das akademische Philosophieren" ungerecht und bis an die Grenze des Verantwortbaren undifferenziert. Aber das ändert nichts an der einen Wahrheit, über die sich, soweit ich sehe, alle Akteure im Feld einig sind: Die deutschsprachige Philosophie erlebt derzeit ihren geschichtlich schwächsten Moment. Ihre universitären Protagonisten fristen ob dieser Gewissheit mehrheitlich ein Leben in stiller Verzweiflung.

Und doch ist der erwachsene Mut, diesen durch und durch enttäuschenden Anblick auszuhalten und gleichzeitig als Imperativ zu verstehen, alles, wessen es je bedurfte, um das Denken einmal mehr auf einen neuen Weg zu führen. Es wird Zeit.