Ein Vorschlag, bevor Sie ankommen. Schauen Sie sich Ihre Schuhe an. Brauchen Sie neue? Probieren Sie das Mantra "bumbalo bumbalo bumbalo bambo" aus, laut. Und bleiben Sie dabei ernst. Auf dem Weg nach Pirmasens umarmt Sie dann der Pfälzerwald.

Die Stadt liegt so nah an Frankreich, Sie könnten leicht mit dem Fahrrad hinfahren – auf einen Café au Lait. Gehen Sie stattdessen ein Stück auf dem Trottoir. Es wird hier "Drottwa" ausgesprochen. Nicken Sie den beiden Bronzefrauen in ihren Hoodie-Kleidern zu, die vor der königlich-bayerischen Alten Post stehen. Eine trägt einen Weidenkorb auf dem Kopf, die andere hält Schuhe in der Hand. Zu den beiden führen alle Wege zurück.

Genießen Sie unterwegs zunächst den Charme der alten Bundesrepublik, den diese Stadt verströmt. Die meisten Häuser stammen aus den fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger Jahren und sehen auch so aus – Zweckbauten mit Jahresringen aus blühender Patina. Achten Sie aber auch auf die trotzig sanierten Gründerzeitbauten zwischen den Zeilen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. Sind Sie jetzt auf dem "Exe" angekommen, dem Exerzierplatz im Zentrum?

Groß, nicht? Riesig. Und diese klobigen Wandelgänge, die um den Platz herum im Kreis führen. Die bleistiftspitze Skulptur in der Mitte, die himmelwärts strebt. Den Baustil nennt man Postmoderne. Hier sieht er nach einer Art schäbig gewordenem Disneyland aus. Die Pirmasenser selbst sind auch nicht alle glücklich mit ihrem Exe. Aber ich verrate Ihnen was: Der Größenwahn ist an dieser Stelle so etwas wie der Genius Loci.

Früher stand hier eine der größten Exerzierhallen Europas, erbaut nach einem Vorbild in St. Petersburg zur Kurzweil des Stadtgründers. Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt (1719 bis 1790) war Exzentriker, vor allem Militarist. Er soll Zehntausende Märsche komponiert haben. Als er mit seinen Truppen abzog, begann die Achterbahnfahrt der Stadt, die es mit ihrer Schuhindustrie zu Wohlstand brachte, zurzeit aber die Armutsstatistiken dominiert. Ein Auf und Ab, wie auf den tausend Treppen in dieser auf sieben Hügeln erbauten Stadt. Wie Rom, wird man Ihnen erzählen. Nicken Sie!

Erinnern Sie sich, während Sie jetzt zum schlosslosen Schlossplatz in der Fußgängerzone laufen, an die bronzenen Frauen von vorhin. Sie stellen die Urururururgroßmütter der Pirmasenser "Schlabbeflicker" dar, Soldatenfrauen, die, als der Landgraf weg war, damit anfingen, aus Tuch- und Lederresten Schuhe zusammenzutackern, "Schlabbe zu flicke" eben. Aus der Not heraus. Ihre Männer waren weg oder arbeitslos.

Sind Sie jetzt am Schlossplatz? Erholen Sie sich bei einem Eis im Venezia. Betreiben Sie Sozialstudien. Genießen Sie die Wirtschaftswunder-Großspurigkeit der Pirmasenser in einer Kulisse des leisen Verfalls. "Bärmesenser scheiße greeßer wie se fresse", heißt es. Rätseln Sie vergeblich, warum eine Stierplastik der Brunnenanlage präsidiert. Klären Sie jetzt die Schuhfrage. Googeln Sie die Öffnungszeiten des Fabrikverkaufs bei Peter Kaiser, Kennel & Schmenger oder Kangaroos. Das sind ein paar der ehemals über hundert Marken; die meisten von ihnen fielen in den Siebzigern der Globalisierung zum Opfer. Steigen Sie die Kaffeetreppe abwärts, vorbei am letzten landgräflichen Grenadierhäuschen. Sehen Sie, wie die Ruine der ehemaligen Schuhfabrik Kopp auf dem Felsen vor sich hin gammelt? Der Anblick versetzt einem einen Sprung ins Herz. Beruhigen Sie Ihren Puls beim Schlendern durch den weitläufigen Strecktalpark zurück Richtung Bahnhof.

Durchqueren Sie die Vorhalle der ehemals größten Schuhfabrik Europas, Rheinberger. Stehen Sie wieder vor den bronzenen Schlabbeflicker-Ikonen vor der Alten Post? Gehen Sie jetzt in das Kulturforum hinein. Hören Sie das? Unterm Dach tönt es sonderbar. Gut, dass Sie geübt haben. Sie erinnern sich? "bumbalo bumbalo bumbalo bambo". Eine Gedichtzeile. Sie stammt vom bekanntesten Pirmasenser. Hugo Ball (1886 bis 1927) ist weltberühmt. Der Mit-Erfinder von Dada. Sie müssen wissen, kein großer Freund der Stadt. Und umgekehrt? Einmal wäre er bei einem Auftritt in seiner Heimat von aufgebrachten Bürgern beinahe gesteinigt worden.

Das Ball-Kabinett, in dem Sie jetzt sind, gibt es auch erst seit zwei Jahren. "Wenn man das Unglück hat, in der Pfalz geboren zu werden", steht auf der Fototapete, "dann muss man immerzu im Wald herumlaufen, das ist die einzige Rettung." Auch ein Tipp. Wissen Sie noch, der Pfälzerwald.

In Pirmasens beginnt die Umarmung quasi innerorts.