Vom Moment der Diagnose an teilt sich das Leben in vorher und hinterher. Man fühlt sich schlagartig hilflos, hat starke Ängste. Viele Menschen machen wechselnde Gefühlszustände durch, oft innerhalb eines Tages, sie werden dünnhäutig. Lässt sich der innere Aufruhr beruhigen? Fragen an Anja Mehnert, international renommierte Wissenschaftlerin und Professorin für Psychoonkologie am Universitätsklinikum Leipzig.

ZEIT Doctor: Eine Psychoonkologin kann ja das Schicksal der Kranken nicht abwenden – wie können Sie ihnen dennoch helfen?

Anja Mehnert: Die Patienten finden erst mal Raum, zu reflektieren, was gerade mit ihnen passiert. Viele sagen: Ich erkenne mich selbst nicht wieder, ich kenne mich so gar nicht. Es ist dann hilfreich, zu erfahren, dass viele Reaktionen in so einer Stresssituation normal sind. Da bekommt ein Mensch zum Beispiel die Hammerdiagnose Leukämie, und dann heißt es: "In zwei Wochen machen wir eine Stammzelltransplantation." Bei so einer Transplantation hat er ein hohes Risiko. Wenn die Stammzellen nicht anwachsen, ist die Situation akut lebensbedrohlich. Er hat das Gefühl, das Leben entgleitet ihm völlig. Es mag simpel klingen, aber viele Patienten beruhigt es da, zusammen mit dem Therapeuten auf die Dinge zu schauen, über die sie jetzt Kontrolle haben; sich eine Liste zu machen mit Fragen an die Ärzte: Was passiert wann? Sich zu überlegen: Wen nehme ich mit in die Klinik, was ist jetzt wichtig, was kann warten? Man zerlegt den Berg in Teile. Man macht die Erfahrung, ich brauche nicht dauernd auf die Angst zu schauen, ich kann auch wieder wegschauen. Klar, manche Sachen kann man nicht kontrollieren, aber andere schon.

ZEIT Doctor: Wie geht man damit um, wenn längerfristig Ängste bleiben?

Mehnert: Eine Strategie besteht darin, sich zu konfrontieren. Die Patientinnen und Patienten haben ja meist keine neurotischen Ängste, sondern oft reale. Hat der Krebs gestreut? Kommt er zurück? Wir alle kennen das aus anderen Situationen: Man liegt Sonntagabend im Bett und denkt, was nächste Woche alles kommt, oh weh, das habe ich noch nicht fertig gemacht, grübel, grübel. In einer Therapie spricht man die Ängste durch: Was wäre denn dann? Man geht ins Detail und kann in der Fantasie Handlungsfähigkeit einüben und sie richtig erleben. Okay, wenn ein Rezidiv auftritt, dann gibt es die und die Behandlung, dann kann man das und das machen. So werden Patienten auch kompetent für den Rückfall.

ZEIT Doctor: Man spinnt also die bedrohlichen Gedanken konsequent zu Ende?

Mehnert: Genau. Und es ist realistisch, zu sagen: Im schlimmsten Fall können Sie sterben. Dann spricht man über den Tod. Das kann sehr entängstigen. Die meisten Patienten versuchen, die Angst wegzudrängen – aber dann wird sie größer! Wenn sie die Angst in Begleitung aushalten, merken sie: Sie steigt an, aber nicht ins Unermessliche. Und dann lässt sie immer mehr nach. Wir sagen: Die Angst darf da sein, sie hat ihre Berechtigung. Sie ist eben unangenehm. Eine schöne therapeutische Intervention besteht darin, dass sich die Patienten eine kleine Angstkarte basteln, die sie gestalten. Da können sie alles Mögliche draufschreiben und sie dann ins Portemonnaie stecken. Sie merken, dass die Angst nicht so frei flottierend, irgendwo im Raum ist – denn sie haben schließlich die Angstkarte in der Tasche. Die ist groß oder klein, pink, rot oder blau. Die Angst ist da, aber handhabbar, kontrollierbar. Ich habe Macht über sie: Ich kann sie anfassen, kann sie rausholen, wieder reintun, kann mit ihr sprechen. Ich kann sagen, meine Angst ist jetzt bei mir, und meine Angst hat vielleicht auch Angst.

ZEIT Doctor: Wie geht man mit Schuldgefühlen um, weil man ungesund gelebt hat?

Mehnert: Auch die sind berechtigt. Aber was ist gewonnen, wenn man im "hätte, hätte" verharrt? Es ist besser, zu schauen: Wie fange ich jetzt an, mich mehr zu bewegen? Man darf nur nicht in die Falle tappen, sich mit früher zu vergleichen. Vor der Erkrankung konnte ich das und das, und wenn ich das nicht mehr kann, hat alles keinen Sinn. Wenn man sich immer vergleicht, wird man sich immer nur schlecht fühlen. Die Krankheit hat den Körper verändert. In der Therapie kann eine Frau mit Brustkrebs akzeptieren lernen, dass da Narben sind, dass sie antihormonelle Mittel nehmen muss, keine Lust mehr auf Sex hat, dass die Medikamente den Körpergeruch verändern, sie Flüssigkeit einlagert und sich nicht so schön fühlt. Psychoonkologen helfen, damit zu leben. Es gibt Abstriche, aber man kann vielleicht auch etwas dazugewinnen, Dinge wichtiger nehmen, die man vorher nicht gesehen hat.

ZEIT Doctor: Zum Beispiel?

Mehnert: Da erzählt jemand: Mein Partner kümmert sich so gut um mich. Dann frage ich: Ja, sagen Sie ihm das denn auch? Antwort: Nö, das ist mir noch gar nicht eingefallen. Aber das wäre eine wichtige Verhaltensänderung, den anderen wertzuschätzen, Zärtlichkeit auszudrücken, eine schöne Sexualität auch mit der Erkrankung haben zu können oder Dinge zu unternehmen, auch mit Freunden.

ZEIT Doctor: Dass man möglichst vor die Tür geht, klingt so selbstverständlich.

Mehnert: Ja, ist es aber nicht. Viele Patienten ziehen sich zurück. Wer eine schwere Therapie hinter sich hat, sieht ja auch krank aus. Oder Männer mit Prostatakrebs: Manche sind stark inkontinent. Die müssen vielleicht im Kino fünfmal zur Toilette, und dann gucken die anderen komisch, oder man bildet sich das ein, und dann bleibt man doch lieber zu Hause. Aber vielleicht lässt sich das ja praktisch regeln? Vielleicht wäre eine Windel nicht schlecht. Das ist natürlich eine Überwindung – sieht man das, riecht man das? Ich sage immer: Probieren Sie es aus und gucken Sie, wie es ist.

ZEIT Doctor: Zu Hause bleiben geht immer noch.

Mehnert: Es ist schade, dass so viele Menschen Angst haben, blöd aufzufallen. Erstens ist es gar nicht immer so. Und in der Therapie kann man auch Antworten durchspielen, falls einem mal jemand blöd kommt. Damit sie sich von den Blödmännern, den kleinen Trumps auf dieser Welt nicht das Leben kaputt machen lassen. Das ist ein wichtiger Lernprozess: Ich muss eine Perücke tragen oder einen künstlichen Darmausgang, und das ist nicht toll, aber ich kann meinen Alltag so gestalten, dass ich trotzdem ein gutes Leben habe.

ZEIT Doctor: Viele nehmen sich auch vor, gesünder zu leben, schaffen es aber nicht.

Mehnert: Wenn es den Leuten besser geht, fallen sie in der Regel zurück in den Alltagstrott. Im Grunde sind die Mechanismen ähnlich wie bei Gesunden.

ZEIT Doctor: Krebs ist also keine Garantie dafür, dass man disziplinierter wird?

Mehnert: Überhaupt nicht. Am Anfang, wenn der Schrecken da ist oder es den Leuten richtig schlecht geht, ist es ungefähr so, wie wenn man einen Kater hat und denkt: Ich trinke nie wieder Alkohol! Und eine Woche später ist es wieder "ach na ja, okay". Patienten sind halt auch nur Menschen.