Ramen, das neue Trendgericht? Ganz überrascht wäre man nicht. Ehrliche Nudelsuppen verkaufen sich auf der halben Welt. Und was diese besonders macht, ist keine exotische Zubereitung oder Würzung, sondern der Umstand, dass die japanische Küche gerne das Simple perfektioniert. Gleich zwei Ramen-Bars haben in der Stadt Ende vergangenen Jahres eröffnet. Beide werden von Deutschen geführt, sie tragen sogar ähnliche Namen. Da drängt sich ein Vergleich auf: Kokomo gegen Momo.

In Japan verkauft man Ramen da, wo Leute es eilig haben, in Hamburg dort, wo sie bummeln. Der Kokomo Noodle Club findet sich in bester Kiezrandlage. Vielleicht ist das in der Eigenwerbung mit dem "traumhaften Ambiente" gemeint; denn die Einrichtung mit Plastikhockern und Asiamarkt-Lampions löst es nicht ganz ein. Der Kellner hat ein Geschirrtuch in die Jeanstasche gestopft. Er begrüßt den Gast mit einem herzlichen "Allein? Dann besser vorn", was bedeutet, dass er einen Platz am Bartresen mit Blick nach draußen empfiehlt.

Zuerst kommt der Suppenlöffel, immerhin japanisch. Sieht mehr nach einem Schöpflöffel aus, aber was soll’s – Ramen wird ja eh geschlürft. Man bekommt die Suppe hier in einigen Varianten, von klassisch bis kurios. "Yuzu-Meersalz" liegt etwa in der Mitte. Die Basis, eine Hühnerbrühe, verträgt sich gut mit den sauren und salzigen Aromen, mit dem wachsweichen Bio-Ei als Einlage ohnehin. Die Nudeln sind tadellos: sattgelb, dünn und gerade noch bissfest. Doch das hineingeschnittene Knusperhuhn, offenbar vorgegart, schmeckt so fad wie ein Chicken McNugget; und das unnütze Olivenöl hinterlässt beim Schlürfen einen Fettfilm auf den Lippen.

Mehr Kraft hat die Fischbrühe mit Sojasauce, Chili-Öl und geröstetem Sesam. Der Lachs darin schmeckt allerdings nicht taufrisch, und bei den Enoki-Pilzen hatte es die Küche offenbar eilig. Sie schwimmen als ganzes Büschel am Rand der Suppe.

"Dann wünsch ich dir noch einen schönen Nachmittag", sagt zum Abschied der Kellner. Im Mund bleibt von der Suppe ein leicht traniger Geschmack. Will man in diesem Club Mitglied sein? Vielleicht aus Solidarität. Schon mehrfach haben Vandalen hier die Scheiben eingeschlagen.

Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt. © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Für deutsche Gastronomen ist es verlockend, Ramen anzubieten: ein leicht vorzubereitender Eintopf, für den man gut 10 Euro verlangen kann, obwohl die Zutaten kaum etwas kosten. Schwer ist, die Kundschaft an den herzhaften Geschmack zu gewöhnen. Das merkt man, wenn man im Momo die traditionelle Tonkotsu Miso bestellt. "Du musst dich drauf einlassen", sagt die Kellnerin, "aber dann ist es saulecker." Allein die süßliche Brühe aus Schweineknochen ist ungewohnt. Darauf liegt noch ein Schaum aus fermentiertem Soja. Zusammen mit der Einlage aus mariniertem Schweinebauch ergibt das eine sehr winterliche Kost. Aber sie kommt dem Gericht nahe, für das in Tokio Leute Schlange stehen.

Das Momo ist um einiges schicker als die Konkurrenz. Ein Lokal auf drei Ebenen mit Kirschblüten-Wandmalerei und einer Bar im Untergeschoss. An der Tür steht, man werde platziert, was das Schanzenpublikum souverän übergeht. Geschmacklich liegt das Momo weiter in Asien als das Kokomo. Die ausgezeichnete Tantanmen Ramen mit Hühnerhack, Frühlingszwiebeln und der Schärfe von Szechuanpfeffer schmeckt zwar nicht nach Japan, aber dafür umso mehr nach China, der ursprünglichen Heimat der Nudelsuppen. Den Versuch, die Nudeln selbst zu machen, hat man hier wie dort aufgegeben. Die guten Maschinen seien zu teuer, erzählt der Restaurantleiter. Stattdessen wird nun frische Ware aus Japan importiert.

Auch das Momo ist nicht frei von Schwächen: Die Vorspeisen-Gyoza etwa gelingen im Kokomo besser, und das Matcha-Eis erinnert mehr an grüne Sahne; aber man spürt Liebe zum Detail und den Ehrgeiz, sich zu steigern. Noch setzt in Hamburg die japanisch geführte Zipang Ramen Bar den Maßstab, aber wer das Gewusel dort nicht mag, ist hier gut aufgehoben.