Es ist kein Mangel an Religion auf den Bühnen. Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung zum Beispiel, in dem die Errichtung eines Gottesstaats in Frankreich durchgespielt wird: von Bamberg bis Berlin gern inszeniert. Überhaupt sind Stücke über die vermeintliche Problem-Religion Islam hoch im Kurs. Aber auch sonst spielen Glaubensfragen ständig eine Rolle, so oder so. Nathan der Weise, Hamlet, Faust: lauter Klassiker mit deutlichem Religionsbezug. Religion gehört schließlich nicht erst in der Gegenwart zu den umstrittensten Themen überhaupt.

Aber Gläubige treten im deutschsprachigen Theater fast nur als Mängelwesen auf. Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung, Homosexuelle, Alte und Gebrechliche gehören mit wachsender Selbstverständlichkeit gottlob zum Theater dazu, ohne dass sie auf Alter, Geschlecht oder Herkunft reduziert würden. Für Gläubige gilt das jedoch nicht. Sie werden auf ihren Glauben reduziert. Wie kommt das?

Es ist jedenfalls kein neues Phänomen. Vor 14 Jahren hatte an der Berliner Volksbühne ein Abend unter dem Titel Vater unser Premiere. Der Filmregisseur Ulrich Seidl wollte mit dieser Stückentwicklung ergründen, was es bedeutet, zu beten. Das ist aufschlussreich gescheitert seinerzeit. Denn der Zuschauer war allenfalls befremdet, wenn nicht belustigt. Er sah Schauspieler, die nicht anders konnten oder wollten, als in ironisch herablassender Pose ihre Rollen zu umtänzeln. Gebet und Glaube schienen ihnen keiner ernsthaften Beschäftigung, nur hämischer Bespöttelung würdig. Als entstammten Gläubige einem Hinterwäldler-Land, in dem sie ihren vormodernen Riten und vernunftfeindlichen Vorlieben nachgehen.

Das ist symptomatisch für den Umgang des Gegenwartstheaters vornehmlich mit den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Da wird – um nur einige bezeichnende Beispiele der jüngeren Vergangenheit zu nennen – in Ersan Mondtags Abend über Alter, Tod und Sterben – Die letzte Station am Berliner Ensemble – erst die Weihnachtsgeschichte verkitscht und dann lächerlich gemacht, auf dass alle, die in ihr Sinn und Glaubensgrund finden, wie bedauernswerte Tölpel erscheinen. Da wurde in Jette Steckels Abend 10 Gebote am Deutschen Theater Berlin ein Priester beim Abendmahl auf die Bühne gehievt, um die Eucharistiefeier als kannibalistischen Mumpitz bloßzustellen. Da wurde in Karin Henkels Hamburger Ibsen-Inszenierung John Gabriel Borkman (2014) das protestantische Kirchenlied "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" gesungen, um die Figuren als Deformierte vorzuführen, deformiert durch die Religion natürlich.

Solche Religionsbilder entwirft das Gegenwartstheater in stumpfer Regelmäßigkeit. Religion wird dabei durchweg zum diffusen Sammelbegriff für alles, was als irrational oder überholt gilt. Gläubig sind für das Theater demnach immer die anderen, meistens die Absonderlichen. Diesen Zuschreibungen gemäß werden sie auf Äußerlichkeiten verkleinert – immer wieder werden Schauspielern Bärte angeklebt, um sie als Muslime auftreten zu lassen, immer wieder wird ihnen ein Talar umgehängt, um sie als Pfarrer zu präsentieren. Während sich das Theater gewöhnlich darum bemüht, widerspruchsreiche Figuren zu entwerfen, kennt es beim Gläubigen nur einfältigste Einseitigkeit: Er darf in allem nichts als Gläubiger sein. Inszeniert werden so jedoch nicht Gläubige, sondern in der Regel Fundamentalisten. Denn nur für diese ist es typisch, Gott und die Welt aus einer einzigen Perspektive heraus wahrzunehmen.

Das Theater steckt im Verhältnis zur Religion offenbar in einer Weltanschauungs- und Wiederholungsblase: Es hält die von ihm entworfenen Zerrbilder für eine Wirklichkeit, die den Gläubigen vorgehalten, wenn nicht vorgeworfen wird. Ein geschlossener, sich selbst bestätigender Kreislauf. Es fehlt hier nicht nur an Kontakt mit Andersgläubigen, mit Menschen und Ideen jenseits der eigenen Kantinenwelt, es fehlt an Vorstellungskraft, dass man von anderen tatsächlich etwas lernen, die eigene Weltsicht Erweiterndes erfahren könnte.

Substanzielle theologische Unterschiede zwischen den monotheistischen Religionen werden entsprechend selten gemacht. Allenfalls gegenüber dem Judentum lässt sich eine gewisse Scheu identifizieren, als fürchte man den Vorwurf des Antisemitismus, als wäre es im Zweifel besser, über Juden zu schweigen. Dass gerade damit das jahrhundertealte Motiv einer ausgrenzenden Politik bedient wird, die sich des "Juden-Problems" entledigen wollte, indem sie Juden keine öffentliche Stimme zugestand, scheint dem Gegenwartstheater dabei nicht aufzufallen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Seit Jahren stellt Oliver Sturm seinen Gebetomat in öffentliche Räume, eine Ein-Personen-Box, die 300 Gebete in 65 Sprachen abspielt und so die Frage nach der (re-)produzierten Religion aufwirft. Oder Björn Bickers Projekt Urban Prayers, bei dem Gläubigen vorurteilsfrei die Bühne überlassen wurde. Oder die Regisseurin Yael Ronen, die sich wiederholt ernsthaft mit Gläubigen auseinandergesetzt hat. Oder auch die in der vergangenen Spielzeit am Stadttheater Münster herausgekommene Uraufführung Martinus Luther von John von Düffel, die weder Luther-Tratsch noch Protestantismus-Bashing präsentierte, sowohl auf vorschnelle, die historische Distanz einebnende Urteile als auch auf hippe Vereinnahmungen verzichtete.

Am besten ergeht es dem Theater in Sachen Religion noch, wenn es den Bezug zum Ritus sucht. Die Verbindungen zu kultischen Energien werden auf den Bühnen derzeit verstärkt wieder betont, von so verschiedenen Regisseuren wie Ulrich Rasche, Christoph Marthaler oder Alain Platel, in den Performances von Signa oder Vegard Vinge und Ida Müller. Aber Ritus ist nicht Religion: Der Gläubige der Gegenwart ist weder schierer Kult- noch bloßer Vereinsanhänger, der seinen Gottesbezug an Amtsträger oder Lehrsätze delegiert.