Das Lebenswerk meiner Mutter versteckt sich im Keller des Kirchenkreises: hellgraue Regale, bis unter die Decke gefüllt mit Ordnern und Rechnungen. Viele hat meine Mutter abgezeichnet und abgeheftet. "Einige bleiben für immer", sagt meine Mutter. Sie trägt ein schwarz-beige gestreiftes Kleid und eine randlose Brille, als wolle sie in der mattgrauen Welt des Aktenarchivs verschwinden. Dieser Tag im Mai vergangenen Jahres ist einer ihrer letzten Tage vor der Rente. Seit 45 Jahren arbeitet meine Mutter hier, in Herford, einer Stadt in der Nähe von Bielefeld. Noch.

"Nur noch ein paar Monate. Dann für immer Urlaub."
WhatsApp-Nachricht von Hannelore Kix an ihre Tochter

"Nur noch ein paar Monate. Dann für immer Urlaub." Mit dieser WhatsApp-Nachricht fing alles an. Sie schreibt mir nur selten. Deshalb weiß ich, das ist ihr wichtig: ihre Rente. Die Zeit, in der ihr Berufsleben ein Ende findet, ist für sie wie ein Countdown.

Meine Mutter ist Finanzbuchhalterin. Dreizehn Jahre vor meiner Geburt unterschrieb sie ihren Arbeitsvertrag, das war 1972. Nach meiner Geburt pausierte sie für zwei Jahre, kehrte dann zurück: erst halbtags, zuletzt vierzig Stunden in der Woche. Wir haben nie über ihre Arbeit geredet. Ich habe mich nie dafür interessiert. Ein eintöniger Job, der nun mal gemacht wurde, so schien mir.

Unvorstellbar, aus heutiger Sicht: 45 Jahre beim gleichen Arbeitgeber. Die gleichen Kollegen in der Kantine treffen, den gleichen Kaffee aus der Thermoskanne trinken. Ich bin 32 Jahre alt und 14-mal umgezogen für Praktika, Ausbildung, Jahresverträge bei sechs verschiedenen Arbeitgebern. Bei ZEIT Campus, wo ich derzeit arbeite, wurde mein Vertrag gerade entfristet. Der Gedanke "Und jetzt bis zur Rente" macht mich trotzdem nervös. Bis jetzt habe ich mein Leben eher als permanenten Testzustand betrachtet – geht immer noch besser. Das Arbeitsleben von meiner Mutter und mir hätte unterschiedlicher nicht verlaufen können.

Dabei ist sie der Normalfall. Nie sind so viele Menschen wie im vergangenen Jahr in Deutschland in den Ruhestand gegangen, über 1,3 Millionen. Viele von ihnen waren ihr Berufsleben lang bei einem Arbeitgeber beschäftigt.

Was bedeutet dieser Generation ihr Arbeitsleben? Und wie beobachten sie uns, die jüngere Generation, unseren Drang nach Selbstverwirklichung und Vereinbarkeit, unsere Scheu vor beruflicher Verbindlichkeit? Ich beschließe, meine Mutter bei ihrem Berufsabschied zu begleiten.

Die Arbeit

Erste Etage, Raum 1.18, das Büro meiner Mutter. Zum letzten Mal saß ich als Teenager hier und wartete darauf, dass wir nach der Schule zusammen nach Hause fahren würden. Kein Familienfoto auf dem Eckschreibtisch. "Wir dürfen keine persönlichen Sachen aufstellen", sagt meine Mutter. Sie hält sich an die Regeln. Neben der Ablage liegt ein Lineal: Jahrgang 1978. Damals hatte meine Mutter gerade angefangen. Neben der Tür hängt ein Kalender, angestrichen ist nur ein Tag. Ihr letzter Arbeitstag.

Meine Mutter erklärt mir ihren Job: "In der Finanzbuchhaltung geht es immer ums Geld. Alle wollen Geld haben." Sie liest eine Rechnung vor: "Ein Kindergarten hat Bastelmaterialien eingekauft, ein 'Spiel- und Lernpaket' für 74,90 Euro." Die Beträge tippt sie in ihre klackernde Rechenmaschine, ebenfalls aus den siebziger Jahren. Sie prüft Eingangsstempel, Haushaltsjahr und Unterschriften. "Bei dir ist wahrscheinlich mehr los." Ich nicke. Mittwochs und freitags werde es auch bei ihr stressig, da würden die Zahlungen gebucht. "Man kann auch mal eine halbe Stunde überziehen, aber dann muss man beim Kollegen Krämer 'bitte' sagen, weil er dann auf einen warten muss."

Kollege Erhard Krämer, 63 Jahre alt, ockerfarbene Hose, blaues Hemd, sitzt zwei Türen weiter. Seit dreißig Jahren verbucht er die Rechnungsbeträge, die meine Mutter in den Computer eingibt. Wie war meine Mutter als Kollegin? Zur Frühstückspause um halb zehn, erzählt Krämer, sei sie oft zu spät gekommen. "Ich kämpfe mit dem Beleg", habe sie gesagt, während die anderen schon ihre Brote aßen. "Diesen Stress hat sie sich selbst gemacht, weil sie so gewissenhaft gearbeitet hat", sagt Krämer. Wenn es schnell gehen musste, da hätten immer alle nach ihr gefragt. "Hannelore", sagt Krämer, "die ist hier wer."

Erst heute wird mir klar, wie fortschrittlich sie war

Hannelore, die Kollegin. Für mich war sie immer meine Mutter. Hat sich um frisch gewaschene Pullover und Schnitzel zum Abendessen gekümmert. Wenn ich als Kind mit Ohrenschmerzen im Bett lag, wollte ich sie bei mir haben. Ihre vier Stunden bei der Arbeit fühlten sich damals unendlich lang an, das Telefon war unsere tröstende Verbindung. Heute nennen wir das: Vereinbarkeitsproblem. "Ich wollte für euch da sein, aber trotzdem mein eigenes Geld verdienen." Deshalb hat sie in Teilzeit gearbeitet, deshalb hat sie pünktlich Feierabend gemacht. Als sie 1972 ihren ersten Arbeitstag beim Kirchenkreis hatte, waren etwa neun Millionen Frauen erwerbstätig, heute sind es etwa doppelt so viele. Erst heute wird mir klar, wie fortschrittlich meine Mutter damals war.

Hannelore Kix vor Aktenschränken © Paula Markert für DIE ZEIT

Das Berufsleben meiner Mutter ist in einer Personalakte abgeheftet, auch ihr Abschlusszeugnis liegt darin. Mit 15 Jahren verließ sie die Hauptschule. Ein "Gut" in Religion und Rechnen; ein "Ausreichend" in Aufsatz und Rechtschreibung. Eine richtige Idee, was sie machen wollte, habe sie nicht gehabt. "Du wusstest ja schon als Teenager, dass du Journalistin werden willst." Ihre Berufsberatung übernahm damals die Nachbarin, eine Näherin. "Näherinnen braucht man immer", habe sie gesagt, und so ließ sich meine Mutter zur Industrieschneiderin ausbilden. Die Stelle bei der Kirche bekam sie über einen Sänger im Kirchenchor, in dem sie damals gesungen hat. "Da ich mich für Büroarbeit interessiere, möchte ich gern als Karteiführerin umschulen. Meine Eltern sind damit einverstanden. Ich glaube, daß mir die Arbeit Freude bereiten wird", schrieb sie mit dunkelblauem Füller in das Anschreiben an die Kreiskirchenverwaltung. Damals war sie noch nicht volljährig. Heute ist das Papier vergilbt.

"Ich habe mich damals nicht getraut, einen richtigen Verwaltungslehrgang zu machen."
Hannelore Kix

Es waren die frühen Siebziger. Studentenrevolten, das Auflehnen der 68er. Auch für meine Mutter war es die Zeit einer Emanzipation, aber anders. Der Bürojob war ein Aufstieg. Ihre Mutter arbeitete auf ihrem Bauernhof und kümmerte sich um die drei Kinder, ihr Vater war Tischler. Nachdem sie ein Jahr lang die Gemeindekartei geführt hatte, wechselte meine Mutter in die Registratur und schließlich in die Finanzbuchhaltung. "Da wollte ich bleiben." Sie meldete sich zu einem Schreibmaschinenkurs an, besuchte Fortbildungen. "Ich habe mich damals nicht getraut, einen richtigen Verwaltungslehrgang zu machen", sagt sie heute. Eine einjährige Fortbildung, das hätte sie mit zwei Kindern nicht geschafft.

Ich dachte immer, dass meine Mutter gern zu Hause bleiben wollte, als mein Bruder und ich klein waren. In unseren Gesprächen finde ich jetzt heraus: Sie musste. "Damals gab es nur ein halbes Jahr Elternzeit. Und meine Schwiegermutter wollte nicht auf zwei Kinder aufpassen." Ich war ohnehin nicht vorgesehen, jedenfalls im Plan meiner Großmutter. Ich habe einen älteren Bruder, für die Weiterführung unseres Bauernhofs war also gesorgt. Doch meine Eltern rebellierten gegen die Tradition. "Ich hatte Glück, dass ich wieder im Kirchenkreis anfangen konnte, als du älter warst."

"Ich habe hart daran gearbeitet, das Leben auf dem Bauernhof hinter mir zu lassen. Oder hat vielleicht meine Mutter hart gearbeitet, damit es so kam?"

Über sich selbst sagt meine Mutter: "Ich bin ein kleines Licht." Und fand ich das nicht manchmal auch, insgeheim? Hatte ich Fragen bei meinen Hausaufgaben am Gymnasium, rief ich meinen promovierten Onkel an. Als ich nach der Schule ins Ausland wollte, organisierte ich mir ein Jahr als Au-pair in New York. An der Uni haben meine WG-Mitbewohner im Studentenwohnheim meine Hausarbeiten gelesen. Ich habe hart daran gearbeitet, das Leben auf dem Bauernhof hinter mir zu lassen. Oder hat vielleicht meine Mutter hart gearbeitet, damit es so kam?

In den entscheidenden Momenten hat sie sich durchgesetzt. Sie stellte dabei die Weichen für ihre Karriere und später auch für meine. Wäre es nach meinem Vater gegangen, hätte ich eine Realschule besucht. "Das ist nur das Mädchen, die muss später nicht studieren", sagte er. Es war meine Mutter, die mich auf dem Gymnasium anmeldete, obwohl mir meine Klassenlehrerin nur eine eingeschränkte Empfehlung gab. "Du wolltest das unbedingt, und ich habe dir das zugetraut", sagt sie. Weil mein Bruder den Hof übernehmen würde, beschloss meine Mutter, für mich zu sorgen. Bis heute ist das unsere unausgesprochene Vereinbarung.

Als ich 16 war, hat meine Mutter meinen ersten Artikel über einen Kaninchenzüchterverein aus der Lokalzeitung ausgeschnitten. Als ich 22 war, hat sie mein WG-Zimmer gezahlt, weil ich ein unbezahltes Praktikum in Berlin machen wollte. "Wenn du glaubst, dass das sein muss", sagte sie damals. Mit 27 Jahren bekam ich die Zusage von der Deutschen Journalistenschule. Dass die Wahrscheinlichkeit dafür gering war, merkte ich erst später. Nur wenige meiner vierzehn Mitschüler kamen auch aus Arbeiterfamilien. Damals wurde meine Mutter zum ersten Mal ungeduldig. Sie sagte am Telefon: "Das ist jetzt aber das letzte Mal, dass ich dich unterstütze." Sie verstand nicht, warum es so lange dauerte, eine Anstellung als Journalistin zu bekommen.

"Mama, keine Zeit, ich muss arbeiten."
Martina Kix am Telefon

"Na, wie war deine Woche?", fragt sie mich manchmal, abends am Telefon. "Mama, keine Zeit", sage ich dann, "ich muss arbeiten." Jetzt aber sitzen wir zusammen in der Küche. Wir trinken Tee, reden über ihren Garten und die Tomaten- und Apfelernte, und ihr Leben erscheint mir deutlich ausgeglichener als meins. Sie hatte immer, was heute alle verzweifelt suchen: Work-Life-Balance. Trotzdem hat sie ihr Berufsleben erschöpft. 49 Jahre Arbeit.

Eigentlich müsste sie noch nicht in Rente gehen, hätte noch zwei Jahre weitermachen können. "Aber mir ist das alles zu viel geworden", seufzt sie. Sie brauche länger als früher für die Rechnungen, im kommenden Jahr werde ein neues Finanzbuchhaltungssystem eingeführt. "Warum sollte ich mir das noch antun?" Meine Mutter ist froh, dass sie nicht Teil der Veränderung sein muss. "Ich hab ja meine 45 Jahre voll."

"Rente, das kommt ja auch von Rennen"

Der Abschied

An ihrem letzten Arbeitstag wacht meine Mutter um vier Uhr dreißig auf, obwohl ihr Wecker erst eine Stunde später klingelt. In unserer Küche schmiert sie sich ein Käsebrot. Das Radio dudelt. Als ich dazukomme, hat sie schon zwei Tassen schwarzen Tee getrunken. "Ich bin ganz rappelig."

Um acht Uhr gehen wir durch den Hintereingang vom Kirchenkreis. Im Erdgeschoss versammeln sich etwa fünfzig Kollegen zur Morgenandacht, wie jeden Dienstag. Rote Gesangsbücher liegen auf den Tischen. Neben meiner Mutter sitzt schon ihre Nachfolgerin. Joanna, 23 Jahre alt.

Drei Reden werden gehalten, dann spricht der Leiter der Abteilung Finanzen. Sie hätten eine Schlussbilanz für meine Mutter angefertigt. "Ja, da kommt der Buchhalter durch!", sagt er und lacht. "Wir haben uns gefragt: Was bleibt?"

Lange der Arbeitsplatz von Hannelore Kix © Paula Markert für DIE ZEIT

Die Kollegen treten vor, mit Erinnerungen:

"Hannelore ist so, wie man sich das Wetter im Sommer wünscht: immer Sonnenschein!"

"Hannelore hat so einen schönen trockenen Humor!"

"Einmal sollte Hannelore die Blumen einer Kollegin gießen. Sie sagte: Ach, ich kann sie ja gleich auch noch umtopfen."

"Dauerte Hannelore eine Besprechung zu lang, machte sie das, was alle anderen nur gedacht hatten: Sie fragte, ob wir jetzt endlich gehen können."

Das Gesicht meiner Mutter läuft vor Verlegenheit rot an. Die Kollegen umarmen sie und überreichen Geschenke. "Das ist ja wie Geburtstag!", sagt sie. Später frage ich sie, ob das ein besonders schöner Tag gewesen sei, vielleicht sogar der schönste? "Nein, das war deine Geburt. Und die von deinem Bruder."

"Das ist ja wie im Film, wenn der Kommissar seinen letzten Tag hat!"
Hannelore Kix

"Tschüss!", sagt sie und dann: "Das war’s! Geschafft!" Sie schließt ihre Bürotür. Auf dem Flur trifft sie noch einen Kollegen, er ruft: "Das ist ja wie im Film, wenn der Kommissar seinen letzten Tag hat!" Meine Mutter lacht. Ihre Augen schimmern. Sie geht schnell weiter, hält ein letztes Mal ihre Karte an die Zeiterfassung. "Ach, nun habe ich heute noch Überstunden gemacht."

Der Autoschlüssel klickt im Schloss. Sie schaut sich nicht um. "Jetzt ist das Berufsleben vorbei. Jetzt kriegen wir das Geld so", sagt meine Mutter, "Jetzt habe ich für immer Urlaub!"

Die Rente

Drei Wochen später. Anruf von Mama: "Ich muss dich etwas fragen." Im Supermarkt in der Nähe suchen sie Aushilfen. "Soll ich mich da bewerben?" – "Mama, das ist ganz schön stressig", sage ich, "genieß doch erst einmal deine Rente." Sie überlegt und bewirbt sich nicht.

Die Arbeit fehlt ihr, denke ich. Womöglich gerät etwas ins Wanken, ohne die tägliche Wertschätzung, ohne die Sicherheit. Meine Mutter hat kein Mittel gegen Krebs erfunden und keinen Weltbestseller geschrieben. Aber sie hat gute Arbeit geleistet. Bedächtig, präzise, ohne Hetze. Für viele meiner Generation, vor allem für jene, die akademisch ausgebildet sind, soll Arbeit sinnstiftend sein. Befristete Verträge und bis Mitternacht im Büro? Kein Problem. Der nächste Job, der nächste Kick. Über meine Entfristung sagt meine Mutter: "Ich bin froh, dass du da bleiben kannst."

"Rente, das kommt ja auch von Rennen."

Ich frage sie, was sich verändert hat, seit sie nicht mehr arbeiten muss. Sie koche mehr, abends auch mal Braten, den könne sie dann zum Mittagessen für meinen Vater warm machen. Mein Vater hat mit 57 seine Rente eingereicht. Er hat als Klempner gearbeitet, bis sein Rücken kaputt war. Seit zehn Jahren ist er zu Hause. Er wollte nie reisen und hat auch als Rentner nicht damit angefangen.

Meine Mutter lebt das Gegenteil. "Am wichtigsten ist es, dass ich mich verabrede", sagt sie, "Rente, das kommt ja auch von Rennen." Ihre ersten freien Monate hat sie durchgeplant: Im April fährt sie mit Nordic-Walking-Freundinnen nach Juist. Im Mai wandert sie auf einem Pilgerweg. Im September fliegt sie mit einer Freundin nach Mallorca. "Ich will noch etwas erleben, bevor es zu spät ist."

Mit mir möchte sie einmal auf einem norwegischen Postschiff durch die Fjorde fahren. In unserem Wohnzimmer in Herford sitzen wir auf dem Sofa und blättern durch den Reisekatalog. "Wenn du das mit mir machst, das wäre schön", sagt sie.

Diesen Frühling werden wir fahren.

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