Wenn man in diesem Winter nur für ein einziges Buch Zeit hätte, müsste man dieses lesen. Es ist brillant nüchtern erzählt, in einer berückenden Klarheit. Historische Zusammenhänge erscheinen in ihren ungeheuerlichsten Dimensionen und zugleich nah und deutlich. Zudem folgt Rückkehr nach Lemberg einer bewundernswürdigen Dramaturgie.

Dieses Buch ist viele Bücher. Eines über das Schicksal der jüdischen Großeltern des Autors Philippe Sands, der Professor für Internationales Recht am University College London ist und mit dem wir schon 2016 über seinen Stoff sprachen (ZEIT Nr. 33/16). Es ist zugleich ein Buch über die Nürnberger Prozesse, in denen man Nazi-Größen für das Menschheitsverbrechen des Holocausts zur Verantwortung zog. Dabei wurden Grundlagen für das heutige Völkerstrafrecht gelegt. Dass notwendige Begriffe damals erst gefunden werden mussten, davon handelt die dritte Ebene der Geschichte. Sie erzählt vom Leben zweier jüdischer Juristen, die, aus Osteuropa stammend, nach Großbritannien und in die USA ins Exil gehen mussten. Dort, in Ungewissheit über das Schicksal ihrer Familien, formulierten sie unabhängig voneinander die Tatbestände aus, mit denen das internationale Recht den Tod ihrer Eltern und Geschwister später ahnden sollte: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und "Genozid".

Philippe Sands zeigt, dass diese Kategorien von Anfang an in Wettstreit zueinander standen. Der Begriff "Genozid", für dessen völkerrechtliche Anerkennung sein Erfinder Raphael Lemkin kämpfte, bezieht sich auf den Versuch, eine Gruppe auszulöschen. Der Straftatbestand, den dagegen der Jurist Hersch Lauterpracht entwickelte, betrifft die "Menschlichkeit" an sich, betont also die Schutzwürdigkeit jeder Person, ungeachtet ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Sands gestaltet den Konflikt dieser Konzepte existenziell packend: Soll es der internationalen Rechtsprechung darum gehen, das Systematische der Vernichtung zu bestrafen, das Einzelne trifft, "nur weil" sie zu einer Gruppe gehören? Oder muss es darum gehen, die unveräußerlichen Rechte des Menschen an sich zu schützen? Philippe Sands, der als Rechtsberater zum Beispiel die Anklage gegen den chilenischen Diktator Augusto Pinochet in Santiago de Chile vorbereiten half, neigt ein wenig dem letzteren Prinzip zu, auch wenn er sich in seinem Buch Mühe gibt, die Argumente beider großer Vorgänger im internationalen Recht, Lemkin und Lauterpracht, zu ihrem Recht kommen zu lassen. Im Gespräch mit der ZEIT sagte Sands, er sei in dieser Frage bis heute "zerrissen".

Die Geschichte seiner Großeltern, die der beiden Völkerrechtler und die eines weiteren Juristen, des Generalgouverneurs Hans Frank, dem in Nürnberg die Mitschuld an der Vernichtung von Millionen Menschen zugesprochen wurde, kreuzen sich schließlich in einer einzigen Stadt: Lemberg liegt heute in der Ukraine und heißt Lwiw, war Anfang des 20. Jahrhunderts noch österreichisch-ungarisch, gehörte dann zu Polen und wurde Lwów genannt, bevor die Sowjets die Stadt besetzten und Lwow nannten. Man könnte es für einen Zufall halten, dass sich die Lebenslinien von Sands’ Protagonisten hier treffen. Die Bedeutung seiner historischen Rekonstruktion macht es gerade aus, dass er diesem Zufall ein so ergreifendes und beziehungsreiches Netzwerk von Geschichten abgewonnen hat.

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg.
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 592 S., 26,– €