Die Gesamtschule Bockmühle in Essen. Ein lang gezogener, dreistöckiger Klotz, von dem der Putz blättert. 1.400 Kinder gehen hier zur Schule, 70 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, jedes zweite kommt aus einem Elternhaus, das Transferleistungen vom Staat bezieht. Eine Brennpunktschule, wie es sie in jeder deutschen Großstadt gibt.

Hinter einer orangefarbenen Tür, am Ende eines Ganges im zweiten Stock, liegt das Zimmer für die Lehrer der achten Klassen, Raum 145/146. Es ist der einzige Ort, an dem die zwölf Lehrer und zwei Sonderpädagoginnen im Schulalltag ein wenig Ruhe finden. Eine Woche durften wir hier verbringen und ihnen zuhören. Die einzige Bedingung: Wir mussten für diesen Text alle Namen von Lehrern und Schülern ändern. Dafür konnten wir an allem teilhaben: am Idealismus, an der Resignation, auch an der Verzweiflung, der manchmal nichts anderes bleibt, als sich in Sarkasmus zu fliehen. Begrüßt wurden wir mit Sätzen wie diesen:

"An anderen Schulen sagen sie: 'Wenn du so weitermachst, kommst du auf die Bockmühle.'"

"Wir haben die Kinder, die schon ihr ganzes Leben hören: Du bist zu schlecht."

"Manche können nicht mal die Frage 'Wo steht der Kölner Dom?' beantworten."

"Außer uns interessiert sich doch niemand für die. Nicht mal ihre eigenen Eltern."

Mittwoch, 7.42 Uhr

Es ist die Woche vor den Zeugniskonferenzen. Das Lehrerzimmer ist etwa 30 Quadratmeter groß, blauer Linoleumboden, an der Decke Neonröhren, die Schreibtische sind mit Arbeitsblättern und Büchern übersät, die Scheiben beschlagen, es ist warm, weil man die Heizung nicht regulieren kann. Einige Lehrer klauben stumm ihre Unterlagen zusammen. Die Tür öffnet sich. Elisabeth Dreiskamp, 45, eine sanfte Frau mit blond gefärbtem Haar, und Dennis Braun, 55, ein drahtiger Mann mit verschmitztem Lächeln, betreten den Raum.

Dreiskamp: Boah, ich brauche erst mal einen Kaffee.

Braun: Und sonst, Lissi, alles gut?

Dreiskamp: Ja, ich hatte gestern noch einen wunderbaren Abend und habe bis halb zehn Klassenarbeiten korrigiert.

Braun: Schön! Du, sag mal, wir hatten gar nicht mehr über den Jeremy gesprochen?

Dreiskamp: Stimmt. Was war denn los?

Braun: Gestern hat er eine Stunde lang versucht, die Korrektur der Mathearbeit abzuschreiben. Bis zur Aufgabe 2a ist er gekommen.

Dreiskamp: Dabei ist der nicht dumm!

Braun: Nein, der ist krank! Der kann sich nicht länger als fünf Sekunden konzentrieren. Wenn der Junge keine Medikamente bekommt gegen ADHS oder weiß ich was, wird er nie lernen können.

Dreiskamp: Wenigstens kommt er noch. Ich habe mal nachgeguckt, der Phillip hat mehr als 200 Fehlstunden. Alles unentschuldigt.

Es klingelt. 7.55 Uhr. Dreiskamp und Braun brechen auf in ihre Klassenräume.

10.07 Uhr

Pause. Einige Lehrer sitzen an ihren Tischen, gebeugt über Listen, in die sie Fehlstunden oder Noten eintragen. Robert Neuberger, 36, lässt sich in seinen Stuhl fallen. Er hat als Maschinenbau-Ingenieur gearbeitet, bevor er hier anfing.

Neuberger: Dennis, weißt du, was mir eben passiert ist?

Braun: Nee.

Neuberger: Ich habe doch diesen Neuen, der zu schlecht fürs Gymnasium war. Eben hatte ich Naturwissenschaften und habe nach der Definition eines Hubs gefragt. Und der Neue meldet sich und sagt: "Das ist die geradlinige Bewegung des Kolbens im Zylinder." Ohne zu zögern. Ein richtiger, vollständiger Satz. Und diese Ausdrucksweise! "Geradlinig!"

Braun: Clash of civilizations.

Neuberger: Die anderen haben gar nichts verstanden. "Die geradlinige was?" Da musste ich wirklich lachen. Und die Schüler so: "Warum lachen Sie denn, Herr Neuberger?"

Birgit Möckel, 51, eine der zwei Sonderpädagoginnen, schaut von ihrem Frühstück auf: Manchmal ist das hier alles eben nur mit Humor zu ertragen.

Neuberger: Leider ist es nur so, dass einem bei manchen Schülern, die völlig lustlos und aggressiv sind ...

Möckel: ... der Humor fehlt.

Neuberger: Genau. Mir rutscht manchmal schon ein "Halt die Klappe!" raus. Ich möchte gar nicht so ruppig sein, aber die verarschen uns, wo sie nur können. Die wittern deine Unsicherheit, deine Schwäche. Und wenn du nicht alles sofort unterbindest, kippt es.

Möckel: Wenn einer leise singt, und du machst nichts, dann singen in drei Minuten fünf Leute.

Neuberger: Und in fünf Minuten alle. Aber am schlimmsten sind diese Vermeidungsstrategien – dieses endlose Anspitzen von Bleistiften, dieses Dummstellen, diese sinnlosen Fragen: "Wieso ist da keine Jahreszahl auf der Uhr?"