Die Ankündigung von Serverland klang vielversprechend. Ein Roman über eine nähere Zukunft, in der das Internet abgeschafft wurde. Warum hat man das Netz stillgelegt? Welche historischen Entwicklungen gingen dem digitalen Ausstieg voraus? Wie hat sich das Leben seitdem verändert, die Berichterstattung, die Kommunikation, der Konsum?

Von alldem erfährt man nichts. Stattdessen: Reiner, der Erzähler, ein Bilderbuch-Nerd (spielt Videogames, schaut Pornos, kauft bei der Tanke ein und liebt Haribo), lernt den dubiosen Geschäftemacher Meyer kennen, fährt mit dessen Scirocco (typisches Retro-Hipster-Auto) in ein holländisches Küstenstädtchen, weil dort in einer Halle Google-Server rumstehen. "In diesen Schränken lagen wahrscheinlich Milliarden Dateien, geschrieben von unseren Eltern", sinniert Reiner. "Von einer Generation, die ihre Gedanken allen anderen zugänglich gemacht hatte. Sie hatte sich davon etwas versprochen, etwas Unklares, das sie nicht beschreiben konnte."

Das ist Quatsch. Es gibt heutzutage – also in der Vorgeschichte zur Romanhandlung – so viele Interessengruppen politischen, merkantilen, wissenschaftlichen oder privaten Zuschnitts, die ganz genau wissen, was sie sich vom Internet erhoffen, dass man die komplette ZEIT bräuchte, um sie aufzulisten.

Videolesung - Josefine Rieks liest aus »Serverland« Ein Zukunftsroman über eine internetlose Welt, in der Laptops nur noch Elektroschrott sind – bis einige Jugendliche eine Verbindung zu lange stillgelegten Servern herstellen. © Foto: Zehnseiten

Der Erzähler hätte diese Leute fragen können, was ihnen das Internet bedeutet hat, es sei denn, sie lebten nicht mehr. Aber der Roman spielt nicht in einer postapokalyptischen Zeit, in der die meisten von einer Seuche ausradiert worden wären oder von einem Krieg. Alle existieren munter weiter, in Berlin zum Beispiel, wie Reiner. Oder in New York. Von dort reisen junge Leute an, man gründet eine Art Kommune in der Serverhalle; es werden Videos auf DVDs gebrannt und per Post verschickt. Warum? Tja.

Es ist in den vernebelten Gesprächen von Johnny, Marco, Judy und wie sonst die Akteure dieses auf engstem Raum Verwirrung stiftenden Werks (170 Seiten insgesamt) heißen, unmöglich, ein kulturkritisches Programm auszumachen. Natürlich muss ein Roman keinen Diskurs begründen, aber eine Dystopie, in der es nicht mehr, sondern weniger Computer gibt, müsste doch ansatzweise ein Verständnis der dargestellten Verhältnisse vermitteln. Doch Serverland hat sich sein Sujet angeheftet wie ein Accessoire, es gibt keine Durchdringung des Themas "Leben jenseits der Vernetzung". Man wohnt den fahrig skizzierten Zusammenkünften der Figuren und ihren Pseudodebatten bei. Es wird gekifft, Bier getrunken und über Ismen spekuliert (Kommunismus, Feminismus, Kapitalismus), streckenweise leider auch in Englisch. Das klingt dann wie Party-Small-Talk von Austauschstudenten in einer Szenekneipe: "This stripping video is amazing. It’s feminist and it’s an ironic critique of how the individual relates to mass media." Oha.

Auf Seite 146 fällt endlich der Satz, der an den Anfang des Buches gehört hätte: "Vielleicht war das auch der Moment gewesen, der über zwei Jahrzehnte später zum Referendum über den Shutdown geführt hatte, in dem der Untergang des Internets eingeleitet worden war." Der Moment, das ist der Zusammenbruch der Zwillingstürme am 11. September. Aha. Die Netz-Abwicklung hat also mit Terror zu tun, vielleicht mit seiner medialen Verbreitung.

Von diesem Gedanken aus ließe sich ein packendes Szenario entwickeln. Aber dafür hätte es ein Lektorat gebraucht. Eine dramaturgische Unterstützung dieser jungen Autorin, die sich an ein faszinierendes Thema gewagt hat und die ihr Verlag dann alleingelassen hat, weil er sich anscheinend nicht die Mühe der Stoff- und Stilentwicklung machen wollte ("Ich folgte seiner Zeigegeste ..." – solche Gespreiztheiten gibt es in diesem Text).

Wer sich an Science-Fiction versucht – denn das ist eine Erzählung aus dem netzlosen Futur –, der muss sich für die Gegenwart interessieren, für die gesellschaftlichen Prämissen dessen, was in die Zukunft projiziert werden soll. Wofür aber interessiert sich Serverland? Wüsste man gern, es fehlen indes zu viele Daten.

Josefine Rieks: Serverland.
Hanser Verlag, München 2018; 176 S., 18,– €