DIE ZEIT: Frau Behrendt, Sie leiten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg eine Kita mit 195 Kindern. Wie oft kommt es vor, dass Murat Prinzessin spielen möchte?

Dagmar Behrendt: Es ist ganz normal, dass Kinder im Rollenspiel andere Geschlechterrollen einnehmen. Egal ob sie Murat, Christian oder Jennifer heißen. Ein Junge will mal die Prinzessin sein und ein Mädchen Ritter. Für uns Erzieher ist das Alltag.

ZEIT: Unter dem Titel Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben hat der Berliner Senat eine Broschüre herausgegeben, die für heftige Diskussionen sorgt. Erzieher wie Sie sollen mithilfe dieser Handreichung darin bestärkt werden, die Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bereits mit Krippen- und Kita-Kindern zu diskutieren. Geht das zu weit?

Behrendt: Das geht nicht zu weit, weil diese Themen für mich und meine Kollegen längst zu unserem Bildungs- und Erziehungsauftrag gehören.

ZEIT: In der Broschüre wird Kim zitiert, fünfeinhalb Jahre, geschlechtsvariant. Kim sagt: "Mein Name ist für Jungs und für Mädchen. Ich möchte mal einen Bart haben, Brüste mit Milch drin, Baby im Bauch, Penis und Scheide und eine hohe Stimme." Wie oft ist Ihnen in Ihrer Kita so ein Kind schon begegnet?

Behrendt: Ich bin seit 34 Jahren Erzieherin, seit 2008 leite ich eine Kita. Ich hatte in all den Jahren noch keinen direkten Kontakt zu einem geschlechtsvarianten oder Transgender-Kind.

ZEIT: In der Broschüre des Senats geht es aber neben dem Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren und deren Kindern sehr viel um solche Fälle. Worin also besteht der Nutzen einer solchen Handreichung für Ihre alltägliche Arbeit?

Behrendt: Letztendlich ist es egal, wie oft in meiner Einrichtung ein Transgender-Kind vorkommt. Die Gesellschaft ist in einem so starken Wandel begriffen, dass es gar nicht anders geht, als sich damit auseinanderzusetzen. Früher haben wir meist abgewartet, bis die Veränderung vor uns stand, und uns dann gefragt, wie wir darauf reagieren. Ich fühle mich besser, wenn ich direkt und spontan auf die Fragen der Kinder reagieren kann.

ZEIT: Welche Fragen meinen Sie?

Behrendt: Kinder sind genaue Beobachter, haben feinste Antennen. Sie nehmen Veränderungen sehr wohl wahr, und es interessiert sie brennend, wenn ihr Freund von zwei Mamas abgeholt wird. Homosexuelle Paare dürfen in Deutschland heiraten und Kinder adoptieren. Kinder bekommen das mit und fragen sich, wie das ist, mit zwei Papas in den Urlaub zu fahren, wenn sie selbst nur die klassische Familienkonstellation kennen.

ZEIT: Wie viele Kinder kommen in Ihrer Kita aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften?

Behrendt: Das ist ungefähr ein Prozent.

ZEIT: Wie stark verändern diese neuen Lebensformen Ihre Arbeit mit Eltern und Kindern?

Behrendt: Für mich als Leiterin war es gar nicht so einfach, plötzlich einen Vater vor mir sitzen zu haben, der von "seinem Mann" erzählt. Da musste ich zunächst auch einen Weg finden, damit umzugehen. Wie spricht man über den gleichgeschlechtlichen Partner? Sage ich dann "Ihr Mann", "Ihre Frau", das musste ich erst lernen. Mir hat es sehr geholfen, dass die schwulen und lesbischen Paare sehr offen mit ihrer Lebenssituation umgehen und ganz selbstverständlich darüber reden, wie es zur Adoption oder zur Aufnahme eines Pflegekindes kam. Aber natürlich bringen sie auch Unsicherheiten und Ängste mit, dass die Kinder ausgegrenzt werden. Wir müssen also wissen, was zu tun ist, wenn ein Vater dem eigenen Kind verbietet, mit dem kleinen Fritz aus der Homo-Ehe zu spielen. Und davor kann sich bei uns keine Erzieherin, kein Erzieher drücken. Jeder muss bereit sein, sich damit zu befassen. Und da wird uns diese Broschüre durchaus helfen.

"Ein Zu-früh gibt es nicht"

ZEIT: Ich nehme an, dass der Großteil der Kinder in Ihrer Einrichtung weiter mit eher traditionellen Rollenbildern aufwächst. Nicht umsonst sehen die Mädchen oft aus wie Prinzessin Lillifee und verbringen die Jungs den ganzen Tag in der Bauecke.

Behrendt: Vater, Mutter, Kind wird natürlich nach wie vor in den traditionellen Mustern gespielt. Aber die Kinder spielen auch "Ich verreise mit meinem Freund" oder "Mein Freund und ich bekommen ein Baby". Das hat immer damit zu tun, welche Art von Familien wir in den Gruppen haben, was die Kinder mitbekommen, was ihre Freunde erzählen. Sie integrieren das Neue dann sofort in ihr Spiel.

ZEIT: Eltern dagegen werden meist nervös, wenn ihr Kind von der Norm abweicht. Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn der Sohn morgens im Kleid und mit lackierten Fingernägeln zur Kita gehen will. Was sagen Sie ihnen?

Behrendt: Dass es gut ist, dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren. Die Kita ist der ideale Rahmen dafür. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Junge ausgegrenzt wird, nur weil er im Spiel die Mutterrolle übernimmt und das Baby stillen will. Die anderen Kinder fragen dann vielleicht: Bist du jetzt eigentlich ein Junge oder ein Mädchen? Aber sie halten sich damit nicht lange auf und akzeptieren das Kind so, wie es ist. Eltern sollten das auch tun. Ich sage ihnen: Lassen Sie Ihr Kind diese Erfahrungen machen, es wird sich irgendwann entscheiden.

ZEIT: Für Sie ist das also kein Grund, sofort eine Diagnostik anzustellen, ob es sich hier um ein intersexuelles oder geschlechtsvariantes Kind handelt? Beim Lesen der Broschüre hat man den Eindruck, als müssten diese Fragen jetzt im Mittelpunkt Ihrer Arbeit stehen. Besteht nicht die Gefahr, dass man in das Verhalten des Kindes etwas hineininterpretiert, was gar nicht nötig ist?

Behrendt: Wir sind Erzieher und keine Ärzte oder Therapeuten. Eine Diagnostik steht uns überhaupt nicht zu. Wir gehen auf das ein, was die Kinder beschäftigt und womit sie sich gerade befassen. So entstehen übrigens all die Themen, die wir mit den Kindern behandeln. Wir stülpen denen nichts über. Unsere Aufgabe besteht darin, sehr genau zu beobachten, welche Bedürfnisse ein Kind hat, und darauf einzugehen. Die Frage, ob ein Kind an seinem Geschlecht zweifelt oder nicht, die stellen wir uns gar nicht. Uns ist es wichtig, dass es sich ausprobieren kann. Deshalb versuchen wir die Eltern zu bestärken, dem Kind diese Freiheit zu lassen.

ZEIT: Kritiker der Broschüre fürchten um das Kindeswohl und sprechen von einer "Frühsexualisierung" der Kleinsten. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit der sexuellen Bildung zu beginnen?

Behrendt: Ein Zu-früh gibt es nicht. Es gehört von Anfang an zur kindlichen Entwicklung dazu, sich mit dem eigenen Körper zu befassen, und dabei geht es ja nicht nur um die Frage, das eigene Geschlecht herauszufinden, sondern vor allem darum, sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen.

ZEIT: Was macht Eltern so viel Angst, dass die Aufregung jedes Mal so groß ist, wenn es um die sexuelle Bildung von Kindern geht?

Behrendt: Das Thema macht Eltern Angst, weil es so viel mit ihnen selbst zu tun hat, mit ihrer eigenen Sozialisation, mit ihrem Rollenverständnis und dem Verhältnis zur eigenen Sexualität. Viele Erwachsene haben nie gelernt, darüber zu sprechen, und nun sollen sie Kindern möglichst offen und vorurteilsfrei begegnen. Das ist für manche eine große Herausforderung.

ZEIT: Sie erziehen die Eltern also gleich mit?

Behrendt: Wir beziehen sie in all unsere Vorhaben ein, machen aber auch deutlich, dass die sexuelle Bildung ein fester Bestandteil unserer Arbeit und nicht verhandelbar ist. Die Familien in unserer Kita kommen mit vielen verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen. Natürlich passt es nicht allen, dass wir zum Teil explizite Kinderbücher anschauen oder mit den Kindern über schwule und lesbische Beziehungen reden. Aber Kinder wollen wissen, wie die Babys in den Bauch der Mütter kommen. Sie haben ein Recht, auf jede Frage eine ehrliche Antwort zu bekommen. Unsere Aufgabe ist es auch, ihnen zu zeigen, dass niemand aufgrund seines Geschlechts oder seiner Lebensweise diskriminiert oder ausgegrenzt werden darf. Und da sind wir mit den Eltern wieder auf einer Linie, denn die wollen doch auch, dass ihr Kind dazugehört, angenommen wird, so, wie es ist.