I. Die Tradition

Der Begriff shaped ("gestaltet", "geformt", seltener: "verformt") bezeichnet etwas Besonderes. Jedenfalls wenn es um Kunst geht. Ein Gemälde ist in aller Regel rechteckig. Im Hoch- oder im Querformat. So war es viele Jahrhunderte Malerbrauch. Bis die "Shaped Canvases" populär wurden, also etwa Bilder, die rund sind, achteckig oder ganz unsymmetrisch.

II. Die Ausnahmen

Es gab allerdings immer schon Ausnahmen. Die altitalienische Malerei kennt Kruzifix-Gemälde auf Holztafeln in Kreuzform – etwa jenes des Malers Cimabue aus dem Jahr 1287, das in der Basilika Santa Croce in Florenz zu sehen ist. Außerdem waren bei Altargemälden, wie dem Genter Altar der Brüder van Eyck aus dem 15. Jahrhundert, bogenförmige Abschlüsse der Tafeln durchaus möglich. Und von Lucas Cranach ist der Colditzer Altar (1584) in Herzform überliefert. Im Rokoko fasste man Gemälde in Rocaillen, also Rahmen in Form von Muscheln, Blüten und Ranken. Und zumindest in der Miniaturmalerei waren runde und ovale Bildformate seit der Renaissance üblich. Nur die Avantgarde, die mit der Wende zum 20. Jahrhundert alle malerisch-akademischen Traditionen über Bord werfen wollte, blieb beim klassischen Rechteck.

III. Der Trend

Seit 1964 ist das anders. Am 9. Dezember eröffnete das Guggenheim in New York die viel beachtete Ausstellung The Shaped Canvas. 26 Bilder von fünf Künstlern waren damals zu sehen: abstrakte Farbflächen auf Leinwand mit v-förmigem, ovalem, dreieckigem, fünfeckigem, winkligem, bogenartigem oder unregelmäßigem Umriss. Obwohl sie teilweise auch in den Raum vordrangen, blieben sie als Gemälde frontalansichtig und verweigerten sich der skulpturalen Dreidimensionalität. Der Bildinhalt oder die Mischung der Töne sollte – so die gängige Interpretation – die unkonventionelle Außenform bestimmen.

IV. Die Repräsentanten

Für die Künstler Paul Feeley, Sven Lukin, Richard Smith und Neil Williams erwies sich die Ausstellung im Guggenheim nur als Episode. Sie blieben in der zweiten Reihe der anerkannten, aber nicht sonderlich bekannten Künstler. Für Frank Stella, seitdem als Pionier dieser "Flucht aus dem Rechteck" betrachtet, eröffnete sich dagegen der Weg zu internationaler Berühmtheit. Mit Kenneth Noland, Ronald Davis, Richard Tuttle, Ellsworth Kelly zählt er zu den frühen Exponenten der Shaped Canvas Paintings. Diese ungezwungene Form der Bildform ist seitdem eine gängige Übung, bis hin zu den ausgeschnittenen Aktgemälden der "Great American Nudes" oder den Zigaretten rauchenden Lippen des "Smoker" von Tom Wesselmann.