Immerhin hat Martin Schulz selbst noch den ersten Schritt zum Aufbau der überfälligen politischen Infrastruktur für eine anfällige europäische Währungsgemeinschaft getan. Ohne seine Leidenschaft für das politische Ziel, das ihn mit Sigmar Gabriel verbindet, wäre das erste Kapitel des Koalitionsvertrages nicht geschrieben worden – nicht an dieser Stelle und nicht in dieser Form. Es ist das Kapitel, das – vage genug – einen Aufbruch in und für Europa verheißt, jedenfalls die Aussicht darauf offenhält. Außerdem hat Schulz erreicht, dass seine Partei das für diese Frage strategisch wichtige Finanzministerium besetzen kann.

Aber was macht die Partei mit diesem Geländegewinn? Was macht sie damit, nachdem sich ihr unglücklich operierender Vorsitzender, übrigens auf eine persönlich eindrucksvolle Weise, verabschiedet hat? Die unbestrittenen Fähigkeiten von Andrea Nahles, die sich ironisch zum "Kleinteiligen" ihrer politischen Arbeit bekannt hat, liegen offensichtlich auf anderen Gebieten. Und der in finanzpolitischen Dingen versierte Olaf Scholz hat durchblicken lassen, dass sein Ehrgeiz als Finanzminister eher auf Kurshalten als auf Kursänderung abzielt. Aber mit dem gewohnten Wortschwall wählertäuschender Europafreundlichkeit müsste Schluss sein. Und um die Tatsache, dass ohne eine Reform der Währungsgemeinschaft in der von Macron geforderten Richtung auch auf keinem anderen politischen Feld die Bereitschaft der europäischen Partner zu der erwünschten engeren Kooperation erwartet werden kann, dürfte nicht länger herumgeredet werden.

Uns muss interessieren, ob die nächste Bundesregierung die Bereitschaft und die Fähigkeit haben wird, sich auf die einzige Frage von programmatischer Tragweite einzulassen und darauf eine halbwegs angemessene Antwort zu geben. Aus dieser Perspektive ist leicht zu erkennen, dass die Bedeutung einer Personalfrage über die einer Personalie hinausgeht: Soll der ehemalige Parteivorsitzende und amtierende Außenminister Sigmar Gabriel, der seinerzeit als Wirtschaftsminister mit seinem damaligen Amtskollegen Macron schon einmal eine weitsichtige europapolitische Initiative ergriffen hat, der künftigen Regierung noch angehören?

Ein genervter Parteivorstand ist dazu offensichtlich nicht bereit. Aber von wem überhaupt, wenn nicht von der Führung dieser sozialdemokratischen Partei, kann man erwarten, dass sie erkennt, wann eine Personalentscheidung nur ein persönliches Schicksal betrifft – oder von sachlicher Tragweite ist? In diese Perspektivlosigkeit reiht sich ein, wer nicht einmal in Erwägung zieht, ob nicht eine künftige Regierung ohne Gabriel die einzigen wegweisenden Worte des Koalitionspapiers vergilben lassen würde.