Voerde im nördlichen Ruhrgebiet, eine Kleinstadt mit rund 37 000 Einwohnern, viel Rotklinker, ein Hochbürgchen der Sozialdemokratie – auf 28,7 Prozent kam die SPD hier bei der vergangenen Bundestagswahl. Jetzt steht der Mitgliederentscheid zur großen Koalition an. Wie versuchen Gegner und Befürworter einander noch zu überzeugen?

Beim Mitgliederentscheid über die Groko 2013 trafen zwei ZEIT-Redakteure vier Mitglieder des SPD-Ortsvereins von Voerde, um mit ihnen zu diskutieren. Veröffentlicht wurde das Gespräch Anfang Dezember 2013 unter der Überschrift: "Man wird uns für irre halten". Vier Jahre und zwei Monate später trifft man sich wieder. Fünf Sozialdemokraten sind in den Gasthof Zur Kutsche gekommen, drei von ihnen waren schon 2013 dabei: Uwe Goemann, 58, SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat; Daniel Siebert, 38, ein nachdenklicher Skeptiker; und Bastian Lemm, 31, der immer noch ein bisschen aussieht wie der junge Sigmar Gabriel, innerlich aber weiter auf Distanz zu ihm gegangen ist. Für die an Grippe erkrankte Gisela Buhren-Goch ist kurzfristig Tanja Kolbe, 42, eingesprungen. Und dann sitzt noch Stefan Weltgen, 47, mit am Tisch, seit vergangenem Mai SPD-Ortsvereinsvorsitzender. Er will eigentlich nur zuhören, wie seine Genossen diskutieren – wird sich aber im Laufe des Gesprächs nicht zurückhalten können.

DIE ZEIT: Was ist anders als vor vier Jahren?

Daniel Siebert: Damals war die Parteispitze klar für die Groko. Diesmal ist man herumgeeiert, erst ein entschiedenes Nein, dann ein entschlossenes Ja. Auf mich wirkt das sehr unglaubwürdig.

Bastian Lemm: Viele reden ja von einer Spaltung der SPD in Groko-Befürworter und Groko-Gegner. Das sehe ich nicht so. Wir ringen hart miteinander, aber das gehört doch dazu. Politik ist doch keine Kuschelveranstaltung. Was mich aber echt nervt, ist unser Spitzenpersonal. Wie sie alle immer nur an sich selbst denken und um ihre Posten kämpfen, das ist nicht mehr schön.

Uwe Goemann: Das ist diesmal in der Tat anders – und das halten uns die Leute auch vor, diese Postenschacherei, wer wird Minister, wer wird Staatssekretär. Und dann kommt unser Generalsekretär Lars Klingbeil auch noch und sagt, ein paar Tage mehr, und die CDU hätte uns sogar das Kanzleramt gegeben. Was für eine Arroganz! Was haben die in Berlin für Berater, dass die so was sagen! Was soll das?

Beim letzten Mal brauchte das Gespräch etwas Anlaufzeit, bevor es richtig Fahrt aufnahm. Diesmal liefern die vier Genossen einen Kickstart. Von null auf hundert in einer Antwort.

ZEIT: In welcher Stimmung treffen wir Sie an?

Lemm: In einer zerwühlten, verärgerten. Was der Koalitionsvertrag hergibt, ist mehr, als man von einer 20-Prozent-Partei erwarten kann. Aber das heftet sich alles wieder die Union an die Brust. Das knüpft nahtlos an die letzte Wahlperiode an. Was wir da erreicht haben als Sozialdemokraten, was Andrea Nahles etwa mit dem Mindestlohn erreicht hat: Verdammte Hacke, sind wir nicht in der Lage, das mal positiv zu verkaufen?

Siebert: Ich bin sauer. Weil Jamaika am Egoismus des FDP-Chefs Christian Lindner gescheitert ist. Und weil wir die inhaltliche Diskussion mit der personellen vermengt haben. Und jetzt sieht es so aus, als sei die SPD schuld daran, dass wir immer noch keine Regierung haben.

Goemann: Als Martin Schulz am Wahlabend die Groko ausgeschlossen hat, habe ich gedacht: Ja super! Ist doch in Ordnung, lass die anderen mal machen! Heute sage ich: Gott sei Dank ist Jamaika gescheitert! Was die vorhatten, war aus Arbeitnehmersicht schon angsterfüllend.

Lemm: Ich arbeite im kommunalen Rechenzentrum Niederrhein, bei mir sind am Wahlabend die Ergebnisse aus der ganzen Region reingekommen. Da war früh absehbar, wie es ausgeht. Als Martin Schulz dann vor die Presse trat und sagte, wir haben verstanden, es ist Opposition angesagt, war ich erleichtert. Endlich weg von Mutti – da war dann doch was Gutes in dem ganzen Elend.