Seine Vorzüge sind am besten mit Zahlen und mit einer kurzen Vita zu beschreiben. In 249 Bundesligaspielen erzielte Robert Lewandowski bis heute 171 Tore. Eine vergleichbare Quote schaffte nur Gerd Müller. Lewandowski ist der beste Schütze der polnischen Nationalmannschaft, in der Fußballgeschichte seines Landes gilt er mit seinen 29 Jahren als der beste Spieler aller Zeiten. In Spanien und England heißt es, Lewandowski sei der einzige Spieler, um den man die deutsche Bundesliga beneide.

Lewandowski hat Glück gehabt. Aufgewachsen ist er in einer polnischen Kleinstadt, weitab von den Talentscouts der großen Clubs. Als Jugendlicher spielte er in verschiedenen Warschauer Vereinen. Nach einer langen Verletzungspause glaubten die Vereinsmanager, dass sich weitere Investitionen in den jungen Spieler nicht mehr lohnten. Der Vertrag wurde nicht verlängert. Seine Schwester ermunterte ihn, weiter an eine große internationale Karriere zu glauben. Aber das wäre nicht genug gewesen. Um Lewandowski richtig in die Spur zu bringen, war jemand wie Cezary Kucharski erforderlich. Kucharski ist Spielerberater. Ohne einen Agenten an der Seite erreicht auch der talentierteste Fußballer heute nichts mehr, so schnell er auch in den gegnerischen Strafraum stürmt.

Spielerberater wie Kucharski haben im internationalen Fußball die Macht übernommen. Weil sie bei jedem Transfer mitverdienen, treiben sie ihre Klienten immer wieder voran auf der Reise durch die europäischen Spitzenclubs. Sie arbeiten im Hintergrund, sie operieren scheinbar ohne Zeugen. So hieß es in den vergangenen Wochen, Cezary Kucharski habe sich wiederholt mit Vertretern von Real Madrid getroffen, um einen für alle Beteiligten lukrativen Wechsel seines Mandanten Lewandowski nach Spanien einzufädeln. Warum auch immer, ist es dazu nicht gekommen. Bekannt wurde nur, dass sich der Torjäger einen neuen Berater gesucht und diesen auch gefunden hat: Pini Zahavi. Wer aber ist Pini Zahavi?

Es heißt, der 74-Jährige könne im Fußball so gut wie alles möglich machen. Er habe gute Kontakte nach England, nicht auszuschließen sei, dass er einer der Hintermänner des 222-Millionen-Euro-Transfers des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain gewesen sei. Zudem soll er daran beteiligt gewesen sein, dass Roman Abramowitsch und der FC Chelsea zusammengekommen sind.

Niemanden verwundert es, dass sich unter solchen Bedingungen die Verbindlichkeit juristisch eindeutiger Arbeitsverträge auflöst. Das geschieht übrigens nicht – wie allgemein unterstellt wird –, weil die Spieler durch ein am Modell des Streiks orientiertes Verhalten ihre Interessen durchsetzen, sondern weil sie in einem Gestrüpp vielfältig gegenläufiger sozialer Beziehungen ihre Entscheidungskraft und manchmal auch ihre athletische Leistungsfähigkeit verlieren. Mit der Folge, so ein auf den ersten Blick treffender Kommentar, dass sich die Spieler "wie böse Kinder" benehmen. In seinem Abschieds-Tweet an die BVB-Fans gab Aubameyang diesem Befund einen nur etwas freundlicheren Ton mit der Formulierung, man wisse ja, "wie verrückt" er sei.

Die gegenläufigen sportlichen Interessen zweier Großvereine spielen innerhalb einer solch komplexen Gemengelage nur noch eine untergeordnete Rolle. Deshalb kann je nach Angebotslage im Lauf von Verhandlungen der Beschluss, einen bestimmten Spieler wegen seiner Qualität zu halten, in ein aktives finanzielles Interesse an seinem Transfer umschlagen. Und von jedem Transfer profitieren heute auch oft die Ursprungs- und Ausbildungsvereine, weil sie sich eine langfristige Beteiligung an Umsätzen der Spielervermittlung gesichert haben. Hinzu kommen die Meinungen und Eigeninteressen jener in der Öffentlichkeit unsichtbaren, individuellen Berater, die ihre Kunden nicht nur gegenüber Medien und Vorständen vertreten, sondern auch vor der diffusen Phalanx von Sportdirektoren, Trainern, Scouts, Ärzten und anderen Rollenträgern, die sich ihrerseits auf unsichtbare Berater verlassen. Ohne Berater operieren eigentlich nur noch die Fans und ihre Organisationen, die typischerweise trotzdem in Konflikt mit den Club-Verwaltungen stehen.

Hinzu kommen für eigentlich alle Spieler auf einem Marktniveau im zweistelligen Millionenbereich die Welten ihrer jeweiligen Nationalmannschaften (und also auch der Fifa) mit je eigenen Erfolgschancen und Risiken. Dabei handelt es sich um Welten, die nur oberflächlich mit denen der Clubs und nationalen Ligen synchronisiert sind. Als Resultat all dieser sich kreuzenden Strömungen haben eine allgemeine Perspektivlosigkeit, eine Instabilität und der Zwang zur Improvisation überhandgenommen, innerhalb derer die sogenannte "Übernahme auf Leihbasis" zu einer immer häufiger benutzten Form der Beziehungen zwischen mindestens zwei Clubs und individuellen Spielern wurde.

Vielfältige Wechsel zwischen Mannschaften in jeder der national markierten Transferzeiten sind zum individuellen Normalfall geworden, und an die Stelle nachtragenden Protests tritt unter den Fans immer häufiger ein freundlich-oberflächlicher Abschied von Spielern, mit denen sie sich ohnehin nie wirklich identifiziert hatten.

Wohl alle Betroffenen sind von diesem zentrifugalen Chaos überfordert und produzieren deshalb Konflikte in einer Vielfalt, die die Fans vom Fußball entfremdet. Wie ist diese Problemzone entstanden?