Auf der Baustelle ist vom ganzen Ärger nichts zu sehen. Drinnen trocknet der Estrich, draußen liefert ein Lastwagen Parkett an. Stephanie Krawehl steht im eisigen Wind vor dem Gebäude an der Stadthausbrücke 6, wo früher die Terrorzentrale der Nazis in Hamburg war, und sagt, sie sei sich der Verantwortung für diesen Ort sehr bewusst. Für diesen einst so grausamen Ort, der gerade von einem Investor verwandelt wird in ein neues Quartier namens Stadthöfe. Ein paar Meter weiter setzt sich Stephanie Krawehl dann in einen Imbiss, nimmt ein Blatt Papier und malt auf, worüber seit Wochen ein Streit entbrannt ist. Sie zeichnet den Grundriss eines umkämpften Ortes:

  • Zur Straße Stadthausbrücke hin malt sie vier Glasflächen. Ein Schaufenster für ihre Buchhandlung Lesesaal. Eine Eingangstür. Und zwei Schaufenster für die Gedenkstätte, hinter ihnen wird ein Schreibtisch aus den dreißiger Jahren zu sehen sein, wie er damals im Hamburger Polizei- und Gestapo-Hauptquartier im Stadthaus stand.
  • Hinter der Eingangstür führt eine kleine Treppe hinauf zur Ausstellung auf der rechten Seite, deren exakte Größe noch nicht feststeht. Und zu ihrer Buchhandlung direkt gegenüber, wo sie vor allem Belletristik verkaufen will, dazu Kinder- und Jugendbücher.
  • Hinter der Buchhandlung zeichnet sie das Café mit 25 Plätzen ein. Von hier aus kommt man durch zwei Türen zum sogenannten Seufzergang, durch ihn wurden die Häftlinge von den Arrestzellen zu den Verhörräumen geführt. Viele kehrten nie zurück.

Wird sie in ihrem Café auch Kaffee zum Mitnehmen verkaufen? Nein, sagt Krawehl und zerknüllt ihre Zeichnung. Nicht, dass ihr auch daraus noch jemand einen Vorwurf macht.

Die Empörung ist groß, seit die Pläne öffentlich wurden. Wie kann man nur eine Gedenkstätte an einem der grausamsten Orte der Hamburger Geschichte zusammenlegen mit einem Café und einer Buchhandlung? "Konsum statt Gedenken? Niemals" steht auf den Flugblättern der Gegner, die sich zu einer Initiative zusammengeschlossen haben. "Die Idee mit dem Café ist absurd", sagt Wolfgang Kopitzsch, früherer Polizeipräsident und Bundesvorsitzender des Arbeitskreises ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten. "Im Café ist ständig Unruhe, wie soll denn da ein würdiges Gedenken stattfinden?"

Um zwei Fragen geht es im Kern: Wie erinnert man angemessen an einen unmenschlichen Ort? Und wer bestimmt darüber, was angemessen ist?

In zwei Monaten, am 2. Mai, will Stephanie Krawehl ihren Lesesaal samt Café eröffnen. Die Ausstellung direkt daneben wird dann noch nicht fertig sein, zunächst soll provisorisch an die Folterkeller erinnert werden. Die 54-Jährige sagt: "Eine Cafeteria gibt es auch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dort findet der Austausch statt." Sie verteidigt eine Idee, die nicht ihre war, aber die sie jetzt umsetzen will.

Ihre Gegner wollen die Eröffnung verhindern. Jeden Freitag treffen sie sich zur Mahnwache vor dem Stadthaus. Sie halten Fotos von hier gefolterten Menschen in den Händen.

Detlef Baade steht mit in der Kälte, sein Vater Herbert war Kommunist. In seinem Friseurladen verteilte er 1933 Flugblätter gegen die Nazis. Die Gestapo verhaftete ihn und brachte ihn ins Stadthaus, wie praktisch alle vom Regime Verfolgten in Hamburg, ob sie Kommunisten oder Sozialdemokraten waren, Homosexuelle oder Sinti. Wen die Nazis loswerden wollten, den schleppten sie erst zum Verhör ins Stadthaus und dann ins Konzentrationslager. Sofern die Opfer das Verhör überlebten.

Sein Vater erzählte Detlef Baade immer wieder, was sie im Keller mit ihm machten: Sie legten Ketten um seine Hände und Füße, dann spannten sie ihn bäuchlings über einen großen Holzbock. Sie peitschten ihn mit Lederriemen, jeder, der Lust dazu hatte, durfte draufhauen. Sie schlugen ihm mit Eisenstangen in die Kniekehlen. Sie zerquetschten ihm mit ihren schweren Stiefeln die Hände. Sie stachen ihm ein Bajonett durch die Wade, bis es auf der anderen Seite wieder herausschaute. Sie rammten ihm den Gewehrkolben ins Gesicht, bis Kiefer und Jochbein gebrochen waren und er tagelang im Koma lag.

"Es muss für unsere Gesellschaft eine Verpflichtung sein, hier eine richtige Gedenkstätte einzurichten", sagt Detlef Baade.