Stepptanzen

Tap-tap-klapp-tap-tap-ta-tap-ta-tap-tap-tap-klapp-klapp kann ich schon fast. Doch dann steht plötzlich Dagmar vor mir und fragt: "Auf welchem Fuß stehst du jetzt?" Ich verfolge meine Beine abwärts bis zu den Schuhen runter und stelle fest, beide berühren den Boden, aber verdammt, auf welchem Fuß stehe ich tatsächlich? "Wo ist dein Gewicht?", bohrt Dagmar nach. Meine Füße wollen mir die korrekte Antwort nicht verraten. Mir ist nach Umfallen. Es klingt, als würde ich eben gehen lernen, aber es ist schlimmer: Dagmar ist Tanzlehrerin, und ich, ich lerne Steppen.

Gut möglich, dass Sie jetzt bereits umblättern, denn man möchte von Leuten, die Tanzkurse besuchen, möglichst wenig wissen, am besten nicht mal, um welchen Tanz es sich handelt. Salsa, Sirtaki, Afro, Contemporary, es ist alles gleichermaßen peinlich. Das Ethno-Getue, wenn Mitteleuropäer sich zur Musik aus anderen Kulturkreisen bewegen, lässt mich zum kolonialistischen Eurozentrismus überlaufen. Und lieber, als Leuten bei expressivem Modern Dance zuzusehen, würde ich ihnen die Zehennägel schneiden.

Und trotzdem gehe ich jeden Mittwochabend in einen Steppkurs, ziehe mir die gebrauchten schwarzen Lederschuhe mit den Metallplatten an den Sohlen an und versuche dann eineinhalb Stunden lang, mit den Schuhen den Rhythmus von Fly Me to the Moon mitzuklappern. Warum ich das tue?

Steppen war im vergangenen Jahrhundert fixer Bestandteil von Hollywood-Tanzfilmen, heute ist es kulturell ungefähr so relevant wie Schwertschlucken. Aber für mich hat es eine andere Bedeutung. Entdeckt habe ich sie vor vielen Jahren in einer Fußgängerzone nahe dem Pariser Centre Pompidou.

Ein Typ im schwarzen Anzug und weißen Hemd legte eine große Holzplatte, vielleicht eineinhalb mal eineinhalb Meter, auf den Boden, stellte einen Ghettoblaster daneben und drückte auf Play. Ein paar Takte Instrumental-Jazz, dann kam das erste Break, und die Füße des Mannes setzten den Takt fort, synkopierten und verzögerten ihn und übergaben ihn am Ende des Breaks wieder der Band aus dem Rekorder. So ging das, erst abwechselnd, Füße, Band, Füße, Band, dann miteinander. Was mich fesselte, war die Eleganz der Bewegungen, mehr noch als die Virtuosität. Die Schritte waren auf das Wesentliche reduziert: Rhythmus. Takt. Tap-tap-tap-ta-tap-ta-tap-klapp.

Eleganz ist im Kunstbetrieb kein wesentliches Kriterium, und deshalb gehört Steppen nicht zu den Künsten, sondern in den Ballsaal des Entertainments. Und in den Kellerraum mit Spiegelwand, in dem ein Dutzend Leute wie ich versuchen, den "Buffalo" zu erlernen, einen Schritt, der ärgerlicherweise voraussetzt, dass man weiß, auf welchem Fuß man gerade steht und ob man die Ferse belastet oder die Zehen.

Eleganz ist harte Arbeit, denn sie will exakt ausgeführt werden. "Du machst das ja richtig, nur nicht gleichzeitig mit den anderen", lautet eines von Dagmars charmanten Todesurteilen.

Und plötzlich gelingt eine Schrittfolge. Meine Füße tun, was sie sollen, ohne dass mein Kopf weiß, wie ihnen das gelungen ist. Ich spüre, dass das Klacken der Metallplatten an den Sohlen mit dem Takt im Einklang ist. Kein Zweifel, ich steppe. Es bleibt zwar ein singulärer Moment, aber ich deute ihn kühn als Verheißung.

Wenn ich den Augenblick der Eleganz erst einmal auf ein ganzes Stück ausgedehnt habe, werde ich bis an mein Lebensende tap-tap-tap-und-so-weiter über die Holzböden stampfen. Ich weiß das mit Bestimmtheit, seit ich eine Aufnahme einer Show aus dem New Yorker Apollo gesehen habe, in der alte Stepptänzer und Stepptänzerinnen nacheinander ihre Moves und Tricks zeigten. Da waren hässliche Typen darunter, manche hatten schon ein wenig an Tempo eingebüßt, aber wenn sie den Takt zu tap-tap-tappen begannen, klopften die Götter mit.

Dagmar hat mich mal gefragt, warum ich immer auf meine Füße blicke. Weil ich mich über jedes "Tap" meiner Füße freue; weil ich die Spiegelwand scheue; und weil ich wissen will, auf welchem Fuß ich verdammt noch mal stehe. Ich glaube, jetzt ist es der linke.