Bei der französischen Zentralbank werden es nicht alle gemocht haben, dass Sylvie Goulard für ein Porträt mit der ZEIT spricht. "Wir sind eine über 200 Jahre alte Institution, die auf Personalisierung keinen Wert legt", beschied eine Sprecherin der Bank am Telefon, doch das blieb nicht das letzte Wort.

Sylvie Goulard, 53 Jahre alt, ist seit wenigen Wochen Vizegouverneurin der französischen Zentralbank – und sie macht einiges anders, als man es dort gewohnt ist. Sie fällt zum Beispiel auf. Goulard zeigt ihr Gesicht, sie denkt politisch und tritt auch so auf. Traditionell gehört es bei Zentralbanken eher zum guten Ton, Verschwiegenheit zu pflegen und, wenn schon, eher technokratisch daherzureden.

Goulard ist im Frankreich des Emmanuel Macron vor allem aus einem Grund auf dem Posten gelandet: Nach dem Willen des französischen Präsidenten sollen die dortige Währungspolitik und der Umgang mit der Europäischen Zentralbank (EZB) streitbarer werden. Und Goulard, mit ihrem eigenen Stil und ihrer ausdrucksstarken Art, ist eine der engsten Vertrauten von Macron.

Nein, in der Zentralbank wolle sie sich für dieses Porträt nicht treffen, richtet sie aus. Nicht in dem dunklen Gebäude, am Ende langer Flure, vor deren Betreten ein Besucher etliche Kontrollen über sich ergehen lassen muss. Stattdessen schlägt sie das Café Nemours für eine Begegnung for, ein heller Raum gegenüber dem Louvre vor der Comédie-Française, einem Hauptstadttheater, das für seine Molière-Aufführungen berühmt ist. Sie bittet die Fotografin mit schelmischem Blick darum, das Theater aus dem Bild zu lassen. Das würde dann doch nicht zu ihrer neuen Rolle als Zentralbankerin passen oder am Ende noch missverstanden werden.

Macron ernannte sie zur Ministerin, doch ein Skandal ließ sie schnell wieder rausfliegen

Goulard – die in einem leuchtend ultramarinblauen Mantel im Café erscheint – stand vor einem Jahr, im Präsidentschaftswahlkampf, als außenpolitische Beraterin an der Seite des Kandidaten Macron. Unter anderem organisierte sie einen aufsehenerregenden Auftritt an der Humboldt-Universität in Berlin, wo Macron seine Unterstützung für die deutsche Flüchtlingspolitik erklärte. Französische Medien bezeichneten sie, neben der Ehefrau, als die wichtigste Frau an seiner Seite.

Als neu gewählter Präsident ernannte Macron sie zu seiner Verteidigungsministerin, doch sie musste bald wieder gehen: Die Justiz ermittelte wegen eines Verdachts auf Scheinbeschäftigung von Assistenten im Europaparlament, wo sie zuvor tätig war. Das machte ihre Berufung in die Zentralbank zu einer umstrittenen Angelegenheit. Macron sah darüber hinweg. Er hält Goulard offenbar für unentbehrlich – im bevorstehenden Streit ums europäische Geld.

Goulard ist eigentlich keine typische Bankerin, sie hat das Metier nicht gelernt. Detailfragen der Zinspolitik sind nicht ihre Spezialität. Trotzdem hält sie die Währungspolitik für ihre Domäne, auf andere Weise. Ab 2009 war sie über acht Jahre hinweg die Koordinatorin der liberalen Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europaparlaments. Jahrelang war sie zuvor engste Beraterin von Roman Prodi in seiner Funktion als Chef der EU-Kommission gewesen. Die Gemeinschaftswährung sieht sie als den bisherigen Höhepunkt der europäischen Einigung – aber sie glaubt auch, dass der Euro und ganz Europa derzeit in Gefahr sind.