In dem währungspolitischen Streit sieht sie den Keim für eine mögliche Spaltung Europas. Der Konflikt wird bislang an zwei Personen festgemacht: am EZB-Präsidenten Mario Draghi und an seinem wahrscheinlichen Nachfolger, dem Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann. Draghi gilt seinen Kritikern als der Mann, der in Europa die Notenpresse anwirft. Weidmann gilt als der, der ihn stoppen will. Deswegen ist Goulard das neue Amt so wichtig. Sie will nicht, dass Europa an einem ideologischen Streit zwischen zwei Männern scheitert.

Künftig wird Goulard Draghi und Weidmann treffen – alle zwei Wochen, wenn in Frankfurt der EZB-Rat als höchstes Beschlussorgan über die europäische Währungspolitik tagt. Sie tritt dann entweder als Begleiterin oder Vertreterin ihres Chefs auf, des Gouverneurs François Villeroy de Galhau. Der ist bei den internationalen Treffen nicht immer da, sie hingegen hat für die internationalen Angelegenheiten die zentrale Zuständigkeit. Vor allem aber gehen alle Beteiligten davon aus: Goulard ist die Stimme Macrons, und der Gouverneur verdankt seinen Job noch den Sozialisten.

Villeroy ist auch nicht gerade als großer Diplomat bekannt. Er kann gegenüber den Deutschen schon mal ausfallend werden: "Die deutschen Inflationssorgen sind sehr übertrieben, sogar irrational", schrieb er in seinem 2014 erschienenen Buch Die Hoffnung eines Europäers, in dem er die deutschen Inflationsängste aus den zwanziger Jahren aufwärmt. Goulard würde Kritik an Deutschland niemals so einseitig formulieren.

Sie will wie Macron die alten Geschichten vergessen und die gemeinsame Verantwortung für die künftige Entwicklung in Europa betonen. Sie sagt – und hört man hier eine Spitze gegen die Deutschen heraus? –, dass sie gegen jede Art nationalökonomischer Positionen eintreten wird. Vehement verteidigt sie die Linie von Macron: Sie ist energisch für den Stabilitätspakt, der die nationalen Regierungen zu einer kontrollierten Haushaltspolitik zwingt, aber auch für mehr Gemeinschaftsaufgaben und Investitionen der Euro-Länder, die eine Zentralbank unterstützen muss.

Goulard ist außerdem die bessere Rednerin und Kommunikatorin als ihr Vorgesetzter, vor allem auf Deutsch, das sie noch besser als der Saarländer Villeroy spricht. Sie deutet an, dass sie sich in ihrer Eigenschaft als Zentralbankerin sogar direkt an die Deutschen wenden wolle. Es sei doch merkwürdig, dass die Deutschen immer noch lieber mit Bargeld bezahlten als Franzosen und Schweden. Sie wolle mithelfen, dass die Deutschen sich stärker für die neuen Bezahlsysteme per Handy begeistern.

Sie ist keine Ökonomin, so wie viele in der Bank, aber sie kommt von der richtigen Uni

Wenn man Goulard auf ihre Verbindung zum Präsidenten Macron anspricht, reagiert sie allerdings empfindlich. Sie empfindet es geradezu als Beleidigung, wenn man ihre Nähe zum heutigen Präsidenten erwähnt. Sie sieht es so, dass sie nicht dafür da ist, Macron zu dienen, sondern der Sache. Ihr Amt sei unabhängig. Sie verbittet es sich sogar, dass man ihren Aufstieg an die Spitze der Zentralbank auf ihre Beziehung zu Macron zurückführt.