Die Dieselmacher müssten dringend wieder an die Arbeit. Es gibt kaum noch Brennstoff in Ghuta, dem belagerten Vorortgürtel östlich von Damaskus. Ohne Brennstoff aber läuft kein Generator, ohne Generator gibt es keinen Strom, ohne Strom kein Internet. Und ohne Internet keinen Kontakt nach draußen. Plastikmüll einsammeln, in einem Ofen schmelzen, die Dämpfe kondensieren lassen, so haben sie hier Treibstoff produziert, seit das syrische Regime 2013 den Belagerungsring um die von Rebellen kontrollierten Vororte schloss. Aber wer will auf der Straße Plastik sammeln, wenn pausenlos Bomben fallen? Also stehen viele Generatoren still. Ausgerechnet jetzt, da die Welt erfahren sollte, was in Ghuta geschieht.

Botschaften aus der Hölle

© ZEIT-GRAFIK

Es ist das Jahr sieben dieses Krieges mit etwa 400.000 Getöteten und elf Millionen Geflohenen, in dem immer neue Waffenruhen angekündigt und gebrochen worden sind. Die jüngste hatte der UN-Sicherheitsrat am vergangenen Sonntag beschlossen, unter dem Eindruck des Dauerbeschusses der umzingelten Zivilisten. Einen "unverzüglichen Waffenstillstand" von 30 Tagen sollte es geben. Da, schreibt die Lehrerin Samara Matar, "hatte ich noch einmal Hoffnung, dass die UN uns aus dieser Hölle heraushelfen". Doch schon kurz darauf hörte sie wieder Kampfjets und Explosionen, verkroch sich mit ihrem zweijährigen Sohn unter der Treppe ihres Hauses in Erbin, der zweitgrößten Stadt in Ghuta.

Die Kommunikation mit Matar über WhatsApp funktioniert nur sporadisch; nicht nur weil der Strom knapp ist, sondern auch weil es Handyempfang nur im Freien gibt. Um ausländischen Journalisten und ihrem Publikum möglichst genau von Bomben, Hunger und Verschütteten zu berichten, müssen Menschen wie Matar aus ihren Zufluchtsstätten in Kellern und unter Treppen hervorkriechen. Das erhöht die Gefahr, beim nächsten Luftangriff selbst zu sterben. Viele gehen das Risiko dennoch ein, obwohl den meisten klar ist, dass die Welt da draußen zwar hinschaut, aber nicht handeln wird.

Eigentlich sollte dies eine Geschichte über die Spuren der Revolution in Syrien werden: nicht über die Proteste 2011 und schon gar nicht über die längst korrumpierten und islamisierten Rebellen. Sondern über das Entstehen eines Bürgersinns, den es in diesem Land zuvor nicht gegeben hat. Über lokale Komitees, die in oppositionellen Gebieten Krankenhäuser, Müllabfuhr und Feuerwehr organisierten, Radiostationen eröffneten, Geflüchtete betreuten, die weiter gegen Assad demonstrierten, aber auch gegen den Terror des IS und den islamistischer Rebellen. Im November 2015, als Hunderttausende syrischer Flüchtlinge Richtung Deutschland marschierten, hatte die ZEIT mit Oppositionellen in Syrien gesprochen, die zum Bleiben entschlossen waren. Darunter war der Apotheker Abdulsattar Sharaf aus Erbin. Zusammen mit Nachbarn und mithilfe deutscher Vereine wie medico international und Adopt a Revolution hatte Sharaf freie Schulen eingerichtet, in befestigten Kellern, geschützt vor Luftangriffen. Der Unterricht war nicht nur frei von Regime-Propaganda, sondern auch von der Indoktrination islamistischer Gruppen, die zu diesem Zeitpunkt in Ghuta längst die Oberhand hatten.

Diese Extremisten sprangen mit den säkularen Aktivisten ähnlich wie das Assad-Regime um: Drohungen, Verhaftungen, Folter. Aber anders als unter Assads Herrschaft blieben politische Freiräume. In Duma, der größten und konservativsten Stadt Ghutas, eröffneten Künstler ein Tonstudio, in dem sie Gedichte und Songs aufnahmen, die sie im Internet veröffentlichten. In Erbin wetteiferten Eltern um die etwa 2.000 Plätze in Sharafs freien Schulen. Nur wenige Kilometer von Assads Anwesen in Damaskus entfernt hatte sich im Rebellengebiet eine vielfältige Zivilgesellschaft gebildet – trotz Repressionen der Islamisten, trotz anhaltender Belagerung und der Fassbomben des Regimes. Was ist davon geblieben?

Als wir im Januar 2018 erneut Kontakt aufnehmen, ist Sharaf gerade auf dem Weg zum Deutschkurs. "Bin seit ein paar Monaten in Heidelberg", schreibt er. Aber mit den Gedanken sei er weiterhin in Syrien. Sharaf vermittelt den Kontakt zu Samara Matar, die an einer der freien Schulen in Ghuta unterrichtet. Der Traum von einem Ausbau der Schulen ist zu diesem Zeitpunkt ausgeträumt. Das Assad-Regime, dank russischer und iranischer Hilfe seit Ende 2015 militärisch auf dem Vormarsch, will nun die größte Schmach ausmerzen, die es in diesem Krieg erlitten hat: eine Enklave der Opposition in Sichtweite der Hauptstadt.

Seit Anfang Februar schießen die syrische Armee und ihre Verbündeten Ghuta sturmreif. In den freien Schulen findet kein Unterricht mehr statt. Einige Klassenzimmer sind notdürftig mit Abwasserpumpen, Trinkwassertanks und Ventilatoren ausgestattet worden und dienen als Schutzräume für Hunderte Familien.