Zwei Dutzend Menschen stehen vor einem alten Wasserturm, sie umklammern die Griffe ihrer Einkauftrolleys und Plastiktaschen. Wirken verloren, zusammengedrängt in der Kälte. Unter ihnen ist eine ältere Frau aus Kasachstan mit ihrem Sohn, vor ihr drei Irakerinnen, dahinter eine gebürtige Essenerin. Ein Syrer kommt dazu. Wie jeden Montag um halb drei warten sie darauf, in den Backsteinturm gewinkt zu werden, zu den Lebensmittelspenden der Essener Tafel.

Sie haben Glück. Denn nur wer eine Mitgliedskarte besitzt, darf den weiß gefliesten Raum betreten, in dem unter Neonlicht Tische mit Gemüse, Brot und Obst bereitstehen. Seit Mitte Januar nimmt die Tafel, ein privater Verein, keine ausländischen Neumitglieder mehr auf.

Die Entscheidung führte zu einer bundesweiten Diskussion um Verteilungsgerechtigkeit und Rassismus. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach twitterte, der "Ausländerhass" sei nun sogar bei den Ärmsten angekommen. Auch Kanzlerin Angela Merkel kritisierte die Entscheidung, vorerst nur noch Deutsche als Neukunden aufzunehmen. "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen", sagte sie in einem Fernsehinterview. Aber muss man es vielleicht, um zu verhindern, dass ansonsten andere Gruppen von der Unterstützung ausgeschlossen werden? So jedenfalls sieht es Jörg Sartor, der Vorsitzende der Essener Tafel.

Sartor thront breitbeinig in seinem Bürostuhl, lehnt sich zurück und verkündet: "Ich bin kein Gutmensch, ich bin keine Mutter Teresa, und ganz sicher bin ich keine Flüchtlingshilfe." Eine Tür trennt Sartor und seine ehrenamtlichen Helfer, die in diesem Moment Lebensmittel an Bedürftige verteilen. Hinter seinem Rücken stapeln sich leere Lebensmittelkisten, blaue Ordner füllen die Regale über ihm. Der Mann nimmt mit seiner Gestalt, mit seiner lauten Art den Raum ein – und wirkt doch in die Ecke gedrängt. Es war Sartors Idee, die Aufnahme von Ausländern zu stoppen.

Seit zwölf Jahren ist der 61-Jährige Vorstandsvorsitzender der Essener Tafel. Davor arbeitete er im Bergbau. Eigentlich wollte Sartor seine Ruhe, damals, als er als Frührentner zur Tafel kam. Kisten schleppen, ein bisschen Bewegung, unter Leute kommen, das war alles. Dann holten sie ihn nach einem Jahr in den Vorstand. Sartor, ein selbstbewusster Mann, "krempelte den Laden um", wie er sagt, ihm gefiel die Führungsposition.

Sartors umstrittene Regelung zielt darauf ab, den Anteil der Ausländer unter den Tafel-Kunden zu senken. Bei den vergangenen Aufnahmeterminen, sagt er, habe er selbst 40 bis 50 Menschen weggeschickt, weil sie keine Deutschen waren. Die Anmeldung findet jeden Mittwoch statt, ab neun Uhr morgens. Schon zwei Stunden früher stellen sich die Ersten an. Gibt es nicht genügend Mitgliedskarten, gehen die Letzten mit leeren Händen nach Hause.

Von den knapp 600.000 Einwohnern beziehen etwa 100.000 Essener Hartz IV oder die Altersgrundsicherung. Der Ausländeranteil unter den Bedürftigen ist hoch, fast 17 Prozent, viele davon kommen aus Syrien. Bei der Tafel reichen die Lebensmittelspenden allerdings nur für 1800 Mitgliedskarten. Da jeder Bezieher seine Kinder mitversorgen darf, verteilt die Essener Tafel nach eigenen Angaben Lebensmittel an 6.000 Menschen. Laut Jörg Sartor ist der Anteil der nichtdeutschen Kunden seit 2015 von einem Drittel auf drei Viertel gestiegen.