Wieso das so ist, glaubt Sartor zu wissen: "Wenn Ihre Mutter hier aus der Trambahn steigt, mittwochs, und da stehen fünfzig Araber, stellt die sich in die Schlange?", fragt er. Um diplomatische Wortwahl schert er sich nicht. "Das ist ein Rudel." Sartor meint damit die Flüchtlinge, die zur Tafel kommen. "Wenn da ein Einzelner wäre, der Probleme macht, dann könnte ich den rausziehen. Die haben einfach nicht unsere Anstellmentalität." Diese Mentalität könne jeder lernen, wenn sie ihm von einer Mehrheit vorgelebt werde. Integration sei in einer Schule oder in einem Kindergarten auch nur bei gemischten Verhältnissen möglich. "Wenn 90 Prozent der Kinder kein Deutsch sprechen, kommt es zu keiner Integration", sagt Sartor. Daraus leitet er die Notwendigkeit des Aufnahmestopps bei der Tafel ab. Sartor sagt, er wolle unter seinen Tafel-Kunden ein ausgewogenes Verhältnis. Eines, das die Bevölkerung abbilde.

Seit Beginn des Flüchtlingszuzugs, so Sartor, überlege er, wie er das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern bei der Tafel "in Waage halten" könne. Üblich ist bei Tafeln in Deutschland eine einjährige Mitgliedschaft. Danach können sich die Menschen erst nach einer einjährigen Pause wieder neu anmelden. Im September 2016 setzte Sartor eine andere Regelung durch: Unter 30-Jährige dürfen drei Monate lang zur Tafel gehen, dann müssen sie ein Jahr lang aussetzen. Für über 63-Jährige (heute über 60-Jährige) entfällt die Pause. Damit wollte Sartor dafür sorgen, dass sich weniger alleinstehende Flüchtlinge unter seine Kundschaft mischen. "Die deutsche Oma wird verdrängt, weil sie sich unwohl fühlt mit den ausländischen Männern in der Schlange, die dann alle Arabisch sprechen", sagt er und imitiert arabische Lautsprache. Es entstehe einfach ein Unwohlsein, gerade bei älteren Frauen.

Eine Frau in der Warteschlange, eine blonde Essenerin, hat von dem Wirbel um die Tafel in den Nachrichten erfahren. Seit August kommt sie wöchentlich zur Ausgabestelle, Schubsen oder Gerangel habe sie aber noch nie gesehen. "Ab und zu gehen die jungen Männer an der Schlange vorbei, stellen sich vorne hin und tun so, als würden sie kein Deutsch verstehen", sagt sie. Dann, ja, komme es zu Streitereien mit den Älteren. Sie selbst kümmere das wenig, denn ohne die Tafel käme sie momentan kaum aus. "Die Lebensmittel, die ich hier kriege, sind viel wert." Im Monat blieben ihr nur 200 Euro zum Leben, wenn sie Ausgaben wie den Handyvertrag und das Ticket für den Nahverkehr abziehe.

Eine andere Frau erzählt, sie sei in den vergangenen Wochen nicht gekommen, weil sie keine Lust mehr auf das Gedrängel in der Warteschlange gehabt habe. Jetzt, am Ende des Monats, sei das Geld knapp geworden. Drei ihrer Kinder stehen vor den Gemüsekisten, die Jüngste möchte gerne Papaya haben. "Das ist wirklich schlimm", sagt ihre 20-jährige Tochter. Die Männer, die sich vordrängelten, reagierten gar nicht, wenn man sie darauf anspreche.

In seinem Büro öffnet Sartor das Online-Sparkassen-Konto der Tafel und zählt die Kleinspenden. 15 Eingänge, allein am Freitag. Das seien ungewöhnlich viele. Mal 100 Euro, mal 15 Euro. Verwendungszweck: "Ich unterstütze Ihren Verein gerade heute gerne". Oder: "Durchhalten". Auf der Rückseite einer Postkarte hat jemand in geschwungenen Buchstaben geschrieben: "Vielen Dank für Ihre mutige Entscheidung und generelles Engagement!" Sartor sagt: "Fast 100 Prozent der Anrufe und E-Mails sind positive Rückmeldungen."

Jeden ersten Dienstag im Monat treffen sich die Vorstandsmitglieder der Essener Tafel zu einer Sitzung. Seit Sommer drehten sich ihre Gespräche darum, die Zahl der Ausländer zu reduzieren, berichten sie. Rita Nebel ist Vorstandsmitglied, sie hätte nie gedacht, dass die jetzige Entscheidung eine solche Aufmerksamkeit generieren würde. "Als wir diskutierten, sprachen wir darüber, dass sie als rassistisch ausgelegt werden könnte", sagt sie über die Entscheidung. "Deshalb war es ja so wichtig, dass wir die richtige Formulierung finden."

Stundenlang hätten Nebel und die anderen vier Vorstandsmitglieder der Essener Tafel Sätze umgestellt, neue Worte aneinandergereiht. Bis keiner mehr einen Einwand gefunden habe. Schließlich, am 8. Dezember, erschien die Erklärung auf der Website der Essener Tafel: Da durch die Flüchtlinge der Anteil ausländischer Mitbürger unter den Kunden auf 75 Prozent angestiegen sei, "sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen".

Das Telefon klingelt, und Nebel geht ran. "Essener Tafel, hallo?" – "Übles Faschistengesindel!", brüllt eine Männerstimme, so laut, dass man es im ganzen Raum hört. Nebel reißt das Telefon vom Ohr, drückt den Anrufer weg. "Also so etwas." Die 68-Jährige klingt nervös. In den nächsten Minuten läutet das Telefon wieder und wieder. Nebel ignoriert es zunächst, blickt dann aber doch noch zweimal drauf, ohne abzunehmen.