Wenn früher über Einwanderung gestritten wurde, galt sie als größte Gefahr: die Parallelgesellschaft. Seit sich der Streit ins Netz verlagert hat, seit es Shitstorms gibt und gesellschaftliche Fronten, die digital verhärtet sind, ist eine neue Gefahr hinzugekommen: die Paralleldebatte. Sie verläuft verlässlich am Kern des Problems vorbei. Sie eskaliert binnen Stunden. Und spuckt am Ende einen Schuldigen aus, der für das Problem nichts kann. Ein paar Flüchtlinge zum Beispiel. Oder jemanden wie Jörg Sartor.

Sartor ist der Leiter der Essener Tafel. Seit Jahren verteilt er mit seinen Kollegen Nahrungsmittel an Bedürftige, an Obdachlose und Alleinerziehende, an Rentner und Flüchtlinge. Lange hat sich dafür kaum jemand interessiert. Seit einigen Tagen aber steht er im Zentrum einer hysterischen Kontroverse. Sartor hatte verkündet, er wolle vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu aufnehmen. Weil viele Flüchtlinge sich vordrängelten und nicht zu benehmen wüssten. Er sagte, manche Flüchtlinge hätten ein "Nehmer-Gen".

Von rechts wird Sartor nun bejubelt – als tapferer Bürger, der sich traut, laut auszusprechen, was eine angebliche Mehrheit heimlich denkt. Von links wird er beschimpft – als Hetzer und Rassist, der den Populisten hilft.

Gemessen an der Bedeutung der Tafel, ist der Shitstorm absurd

Sartors Entscheidung, nur Deutsche zu versorgen, war falsch, sie verstößt gegen die Satzung der Tafeln. Die zielt auf die Bedürftigkeit, nicht auf die Herkunft der Menschen. Doch gemessen an der Bedeutung eines lokalen Tafelbetreibers, ist der bundesweite Shitstorm absurd. Und er stürmt am wirklichen Skandal vorbei.

2017 hat die Bundesrepublik zum vierten Mal in Folge einen Rekordüberschuss erwirtschaftet. Der deutsche Staat verfügt über so viel Geld wie lange nicht mehr. Und trotzdem haben Hunderttausende Menschen, die in Deutschland leben, so wenig, dass sie zur Tafel gehen.

Gut 930 Tafeln gibt es in Deutschland. Die Nachfrage, sagt der Bundesverband der Tafeln, übersteige die Spenden bei Weitem. Tatsächlich kommen heute mehr Flüchtlinge als früher. Viel mehr Bedürftige aber haben einen deutschen Pass. Allein die Zahl der Rentner, die auf gespendetes Essen angewiesen sind, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Im Februar haben Ökonomen des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung die Einkommensverhältnisse der Deutschen untersucht. Zwar steigen die Sozialausgaben des Staates, aber das Geld käme zu selten bei denen an, die es am dringendsten brauchen. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD, mahnen die Forscher, werde gegen diesen Widerspruch zu wenig getan.

Dass die staatliche Hilfe nicht reicht, um jene zu versorgen, die vom Aufschwung nichts abbekommen, zeigt sich nicht nur bei den Tafeln, wo Flüchtlinge mit deutschen Müttern um ein paar Scheiben abgelaufenen Käse rangeln. Es zeigt sich bei den von privaten Investoren dominierten städtischen Immobilienmärkten, wo Studenten, Arbeitslose und Migranten um die wenigen verbliebenen billigen Wohnungen konkurrieren. Bei Rentnern, die ohne private Vorsorge verarmen würden und oft nicht in der Lage sind, einen Platz in einem Heim zu bezahlen. Bei den Kommunen, die ihren Besitz an private Firmen verkaufen und trotzdem in Schulden ersticken.

Das alles hat wenig zu tun mit den offenen Grenzen im Jahr 2015. Und viel mit der Öffnung der Märkte in den neunziger Jahren, mit Privatisierungs- und Deregulierungswellen der Vergangenheit, deren Folgen nun in die Gegenwart schwappen. Die Not wurde durch den Zuzug der Flüchtlinge nicht erzeugt, sondern nur verschärft – und dadurch sichtbarer. Sie zu lindern ist kompliziert. Komplizierter, als auf die Flüchtlinge zu zeigen. Komplizierter, als sich mit schrillen Rassismusvorwürfen auf die vermeintlich richtige Seite zu schlagen.

Ist Jörg Sartor, der Leiter der Essener Tafel, ein Rassist? Sollte demnächst die große Koalition erneut regieren, gibt es größere, wichtigere Fragen: Wie sozial ist die soziale Marktwirtschaft, von der die CDU so gerne spricht? Und warum rennen so viele, die wenig haben, zur AfD statt zu den Sozialdemokraten?

Eine Antwort darauf würde den Menschen, die bei Jörg Sartor Schlange stehen, vermutlich eher helfen. Denen mit deutschem Pass. Und denen ohne.

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